SEMPERIT-SPEZIAL

·Traiskirchen
Bgm. Knotzer: "Eine Katastrophe"
·Still-Legung
SPÖ fordert österr. Lösung
Es ist offiziell: Im Juli 2002 wird Continental die Semperit-Reifen-Produktion in Traiskirchen schließen. Rund 950 Jobs werden gestrichen. Auf einer mehr als einstündigen Betriebsversammlung mit hunderten Mitarbeitern wurden kämpferische Töne angeschlagen: "Die Belegschaft hat nichts mehr zu verlieren", betonte Betriebsratsvorsitzender Alfred Artmäuer. Besonders dramatisch seien auch die Auswirkungen auf die gesamte Region: Laut Artmäuer gebe es rund 300 Zulieferbetriebe, von denen "der Großteil" mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes mit Semperit-Reifen macht.
Artmäuer forderte bei der Betriebsversammlung vor Mitarbeitern zweier Schichten in Traiskirchen: "Bewahrt klaren Kopf." Er richtete diesen Appell mehr als ein Mal an die Semperit-Mitarbeiter. Wer die Chance auf einen anderen Job habe, sollte diese nützen.
Auch Artmäuer gab zu verstehen, dass er Unterstützung seitens der Bundsregierung vermisse. Den Grund sehe er darin, dass Traiskirchen "immer eine Hochburg der Sozialdemokratie gewesen" sei.
Bei der Betriebsversammlung geäußerte Ängste von Beschäftigten, dass Semperit in den Konkurs getrieben werden könnte und "wir um den Sozialplan umfallen", versuchte der Arbeitnehmervertreter zu zerstreuen. Der Imageschaden für Continental wäre enorm, würde der Konzern auch noch Ansprüche streitig machen.
"Nicht optmistisch, aber kämpferisch"
"Ich bin nicht sehr optimistisch, aber ich bin kämpferisch", so Artmäuer. "Wir wollen die Arbeitsplätze erhalten, unter welchem Arbeitgeber auch immer." Für eine Rettung hoffe er auch auf österreichische Industrielle, sagte der Vorsitzende des Betriebsrates.
Enttäuschung und Erschütterung
Die Semperit-Mitarbeiter seien nicht nur "zutiefst erschüttert", sondern vor allem "enttäuscht von den Herren bei Continental", so Artmäuer weiter. "Wir werden Maßnahmen beschließen - dann, wenn es weh tut", kündigte er fast im selben Atemzug an.
Harte Kritik an Continental
"Der Konzern kümmert und schert sich nicht um Tausende Mitarbeiter in Europa. Es ist ihm egal, wenn er ein Heer von Arbeitslosen hinterläßt", kritisierte Artmäuer. Er vertrat überdies die Auffassung, dass sich das Kaufverhalten der Österreicher bei Autoreifen "gravierend ändern" werde. Continental würde diesbezüglich "die Sensibilität der Österreicher unterschätzen".
Bis Sommer 950 Jobs weg
Die Krisenbotschaften Reifenwerk im niederösterreichischen Traiskirchen kamen in den vergangenen Jahre mit großer Regelmäßigkeit - nun ist es tatsächlich so weit: Der deutsche Reifenkonzern Continental, der das traditionsreiche Werk 1985 von Creditanstalt (CA) erworben hatte, sperrt Semperit Reifen zu. Bis Juli 2002 soll die gesamte Reifenproduktion stillgelegt werden, knapp 1.000 Leute verlieren damit ihre Arbeitsplätze. Übrig bleiben zunächst lediglich 400 Jobs in der Nicht-Reifenproduktion, die voraussichtlich bis 2003/04 auch verschwinden werden. Conti-Vorstand und Semperit-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Nikolin hat die am Krampustag in der Konzernzentrale in Hannover getroffene Schließungsentscheidung am Donnerstag in Wien verteidigt.
Reifenproduktion in Niedriglohnländer
Nikolin trat in den Mittagsstunden vor ein mit wenig freundlich gestimmten Journalisten gefülltes Extrazimmer im Wiener Cafe Landtmann. Während der Conti-Manager betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten und strategische Konzernentscheidungen ins Treffen führte, interessierten sich die Medienvertreter beispielsweise für die Frage, ob auch die Conti-Vorstände ihren Produktionsstätten in die Niedriglohnländer nachziehen würden. Nikolin bekräftigte erneut das Konzern-Ziel, die Hälfte seiner Reifen in Niedriglohnländern zu produzieren. Mit der Schließung von Traiskirchen ist der deutsche Konzern diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Die Marke Semperit werde selbstverständlich von Conti weitergeführt.
Sozialplan kostet 70 Millionen €
Die Sozialplan-Kosten für die Schließung von Traiskirchen betragen rund 70 Mill. Euro. Semperit-Geschäftsführer Hans-Georg Hirschl, der vom "schwärzesten Tag in meiner Berufslaufbahn" sprach, will den Semperit-Standort bis zu seinem definitiven Ende begleiten.
Gesamte Region betroffen
Bei der Pressekonferenz der Continental anwesend waren auch der Traiskirchener Bürgermeister Fritz Knotzer (S) und Semperit-Betriebsratschef Alfred Artmäuer, die dem Konzern Fehlentscheidungen und Rücksichtslosigkeit gegen die Beschäftigten vorwarfen. Laut einer von Artmäuer angestellten Rechnung hat der deutsche Continental-Konzern 1985 rund 440 Mill. S Kaufpreis für das ehemals der CA gehörende Semperit Reifen gezahlt und im Laufe der vergangenen 16 Jahre 6 Mrd. S (436 Mill. Euro) aus dem Werk gezogen. Für Knotzer und Artmäuer, die beide versprachen, die österreichische Öffentlichkeit über die Konzernpolitik Contis "aufzuklären", geht der regionalwirtschaftliche Schaden aus der Schließung weit über den Verlust von 1.000 Jobs hinaus. In der Region gebe es rund 300 Zulieferbetriebe, von denen "der Großteil" mehr als 50 Prozent ihre Umsatzes mit Semperit Reifen mache, sagte Artmäuer.
Horrende Kosten für Schließungen
Conti, das heuer bereits ein Reifenwerk in Belgien und einen weiteren Standort in Deutschland stillgelegt hat, rechnet durch die dadurch verursachten Kosten von 200 Mill. Euro heuer in die roten Zahlen zu rutschen. Nächstes Jahr, hat der neue Conti-Chef Manfred Wennemer angekündigt, wolle man wieder einen Gewinn in der Größenordnung von 200 Mill. Euro schreiben.

