Clerides besucht erstmals türkischen Norden

Mit ihrer ersten Zusammenkunft seit vier Jahren haben Zyperns Präsident Glafcos Clerides und der türkische Volksgruppenführer Rauf Denktas am Dienstag neue Hoffnungen auf eine Lösung des Konflikts vor dem geplanten EU-Beitritt der Mittelmeerinsel geweckt. Für Jänner wurde die Aufnahme direkter Verhandlungen unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen vereinbart.
Erstmals seit der Teilung Zyperns nach der türkischen Militärintervention vor 27 Jahren wird ein Präsident des Inselstaates den türkisch besetzten Norden besuchen. Clerides hat eine von Denktas ausgesprochene Einladung zu einem gemeinsamen Essen am Mittwoch angenommen. "Der Präsident der Republik hat eine Einladung von Herrn Denktas zu einem Essen in dessen Residenz angenommen", erklärte Regierungssprecher Michalis Papapetrou vor der Presse in Nikosia. Das Essen werde von der türkisch-zypriotischen Seite zu Ehren des UNO-Sonderbeauftragten Alvaro de Soto gegeben.
Kurz zuvor hatten Clerides und Denktas bei einem einstündigen Treffen im Niemandsland an der Demarkationslinie im Beisein de Sotos umfassende Verhandlungen für Jänner vereinbart. De Soto sagte anschließend, man werde "so lange verhandeln, bis eine umfassende Lösung gefunden ist". Nichts werde vereinbart, solange es nicht eine Vereinbarung "über alles" gebe.
Denktas sagte dem türkischen Nachrichtensender NTV, die neuen Gespräche würden am 15. Jänner beginnen. Über Einzelheiten sei noch nicht gesprochen worden. Im Jänner werde er mit Clerides eine Bestandsaufnahme machen, "und dann muss entschieden werden, was getan werden kann und was getan werden muss." Der türkische Premier Bülent Ecevit, der unlängst noch mit der Annexion des Nordteils der Insel gedroht hatte, sollte die EU Zypern aufnehmen, begrüßte die "erfreuliche Entwicklung".
Das bisher letzte Treffen zwischen Denktas und Clerides hatte 1997 in der Schweiz stattgefunden. Seither wurde nur indirekt verhandelt. Im November 2000 hatte sich Denktas aus den Gesprächen zurückgezogen und verlangt, die UNO müsse die Existenz von "zwei Staaten" auf der Mittelmeerinsel akzeptieren. Bei einem Treffen mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan in Salzburg im vergangenen September hatte Denktas ein wichtiges Zugeständnis gemacht. Der Präsident der international nicht anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern" verzichtete erstmals auf seine langjährige Forderung nach einer "Konföderation" aus zwei "gleichberechtigten Staaten" und sprach von einem "gemeinsamen Staat aus zwei Entitäten". Die Vereinten Nationen haben in ihren Zypern-Resolutionen die Wiedervereinigung der Insel in Form eines "bikommunalen und bizonalen Bundesstaates" gefordert.
Zypern ist seit der türkischen Militärintervention im Jahr 1974 geteilt. Die Türkei hat im besetzten Nordteil, wo Denktas seinen völkerrechtlich inexistenten Separatstaat eingerichtet hat, 40.000 Soldaten stationiert und rund 100.000 Festland-Türken angesiedelt. 200.000 griechische Zyprioten wurden nach der türkischen Invasion aus dem Norden vertrieben.
Der Beschluss der Europäischen Union, Beitrittsverhandlungen mit der Republik Zypern notfalls auch ohne Beteiligung des türkischen Teils aufzunehmen, hatte eine Verhärtung der Fronten bewirkt. Für den Fall, dass Zypern EU-Mitglied wird, hatte die Türkei mit dem Anschluss des Nordens der Insel gedroht.
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