Sonntag, 2. Dezember 2001

Wer traut sich schon, Euro zu nehmen?

Das Nachrichtenmagazin FORMAT ging eine Woche lang mit druckfrischen Euroscheinen auf eine amüsante Einkaufstour. In vielen Geschäften herrschte Ratlosigkeit – teils hätte das Personal das neue Geld schon jetzt akzeptiert.

Eine Woche lang begab sich FORMAT mit Eurobanknoten auf Einkaufstour, um zu testen, wie eurofit die Handelsangestellten sind. Das Ergebnis: Bei den großen Ketten wie H&M, Bipa oder Stiefelkönig ist das Verkaufspersonal teilweise überfordert. Viele wissen nicht genau, ab wann sie Euro akzeptieren dürfen, und sind auch in der Umrechnung keinesfalls sattelfest. In Fachgeschäften, wo der Boss selbst im Laden steht, herrscht deutlich weniger Verunsicherung.

Beim Textilriesen H&M auf der Mariahilfer Straße gibt es an den Registrierkassen neuerdings eine Eurotaste. Der Automat spuckt die Summe des Rückgeldes in Schilling und Euro aus. Die Verkäuferin akzeptiert den 50-Euro-Schein des FORMAT- Redakteurs. Ein Hemd und ein Pullover macht 49,78 Euro. „Drei Schilling bekommen Sie noch zurück“, meint die junge Dame, sichtlich stolz auf die technische Raffinesse. Zufällig kommt der Shopmanager und klärt den Irrtum auf: „Sie können bei uns erst ab Jänner in Euro bezahlen.“ Und zum Informationsdefizit der Verkäuferin: „Unser Hauptaugenmerk liegt derzeit beim Weihnachtsgeschäft. Zur Euroeinschulung hatten wir noch keine Zeit.“

Keine Euro zum Rausgeben
Die Verkäuferin des Bekleidungsshops Bernhart in der Wiener Innenstadt scannt den Preis für die Jeans ein und greift nach dem angebotenen 100-Euro-Schein: „Ich habe aber noch keine Euro zum Rausgeben.“ Macht nichts, Schilling sind auch okay. Nun kommen doch leise Zweifel: „Ob ich das darf?“ fragt sie leise und holt Hilfe. Auch die Kollegin zuckt mit den Achseln. Erst die Filialleiterin schafft Klarheit: „Sind Sie das mit den Euro? Die dürften Sie noch gar nicht haben. Stecken Sie sie lieber ein, Sie machen sich sonst strafbar.“ Was stimmt: FORMAT brach daher alle Transaktionen ab, bevor Euroscheine tatsächlich über den Ladentisch gingen.

Am Weihnachtsmarkt auf der Wiener Freyung fragt der Herr hinter dem Punschstand nach: „Sie wollen wirklich in Euro zahlen?“ Ja, wir haben nichts anderes. Der Standler überlegt kurz die Möglichkeit einer Fälschung: „Mir ist es egal. In knapp einem Monat zahlen eh alle damit. Und Sie schaun nicht wie ein Betrüger aus.“ Er weiß, dass er das Geld noch nicht nehmen dürfte, doch die Neugier siegt. Lächelnd streckt er die Hand der druckfrischen Banknote entgegen.

Lesen sie den ausführlichen Euro-Einkaufsbericht im aktuellen FORMAT!

2.12.2001 12:32