Auch Jelzin bei Treffen erwartet

Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) begeht heute in Moskau ihr zehnjähriges Jubiläum als Nachfolgeorganisation der Sowjetunion. Gastgeber des Jubiläumsgipfels ist der russische Präsident Wladimir Putin (Bild). Auch sein Vorgänger Boris Jelzin, der eigentliche Gründervater der GUS im Dezember 1991, wird bei dem Treffen erwartet.
Die GUS war am 8. Dezember 1991 von den drei wichtigsten Sowjetrepubliken Russland, Weißrussland und der Ukraine ausgerufen worden. Am 25. Dezember trat der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow zurück.
Heute gehören der GUS zwölf frühere Sowjetrepubliken an, nur die baltischen Staaten sind nicht Mitglieder. Trotz aller Aufrufe zu einer erneuten Integration ist die Gemeinschaft innerlich zerstritten, die Mitglieder pochen auf ihre Unabhängigkeit.
Vor zehn Jahren wurde das Ende der Sowjetunion beschlossen
Das definitive Ende der Sowjetunion leiteten genau jene Kräfte ein, die den befürchteten Zerfall des Staates mit Gewalt verhindern wollten. Am 19. August 1991 starteten kommunistische Hardliner einen Putsch gegen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, um die Unterzeichnung des neuen Unionsvertrags zu verhindern, mit dem am folgenden Tag die Sowjetunion in eine lose Föderation umgewandelt werden sollte. Der Putsch scheiterte kläglich und diskreditierte die Idee des Fortbestands der Union unter den politischen Führern der Teilrepubliken unrettbar.
Dass sich die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die 1941 von der Sowjetunion annektiert worden waren, in die Unabhängigkeit verabschiedeten, musste nach dem August-Putsch schließlich auch Gorbatschow konzedieren. Es folgte eine Reihe von Souveränitätserklärungen zahlreicher Teilrepubliken. Doch wirklich ernst wurde es erst, als sich die Ukraine am 1. Dezember in einer Volksabstimmung mit überwältigender Mehrheit von 90,5 Prozent für die Unabhängigkeit aussprach. Eine Sowjetunion ohne die Ukraine galt als undenkbar.
Wettstreit zwischen Gorbatschow und Jelzin
Im Wettstreit zwischen Gorbatschow und seinem schärfsten Rivalen, dem russischen Präsidenten Boris Jelzin, war Jelzin einmal mehr der schnellere. Während Gorbatschow noch an die Ukrainer appellierte, den gemeinsamen Staat nicht zu verlassen, organisierte Jelzin schon für das nächste Wochenende ein Treffen mit dem neuen ukrainischen Präsidenten Leonid Krawtschuk und dem weißrussischen Staatsoberhaupt Stanislaw Schuschkjewitsch in einer Datscha in Belowschskaja Pustscha bei Brest. Nach zweitägigen Beratungen setzten die Führer der drei slawischen Teilrepubliken am 8. Dezember der Sowjetunion ein Ende.
In einem Kommunique erklärten Jelzin, Krawtschuk und Schuschkjewitsch: "Wir, die Republiken Weißrussland, Russische Föderation und Ukraine, die den Unionsvertrag von 1922 unterzeichnet haben (...), stellen fest, dass die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als Völkerrechtssubjekt und als geopolitische Realität nicht mehr existiert". Zugleich beschlossen sie drei Grundlagendokumente über eine künftige Gemeinschaft der drei slawischen Republiken. Als besondere Kränkung empfand es Gorbatschow, wie er später berichtete, dass Jelzin als ersten den damaligen US-Präsidenten George Bush von dem Beschluss informierte.
Unmittelbar danach setzte ein letztes, intensives Ringen zwischen Gorbatschow und Jelzin um die Unterstützung erst der Armee und dann der übrigen Teilrepubliken ein. Von den neun verbliebenen Sowjetrepubliken kam den fünf zentralasiatischen Republiken besonderes Gewicht zu. Dabei stellte sich rasch Kasachstan unter dem einst mit Gorbatschow verbündeten Nursultan Nasarbajew als wichtigster Faktor heraus. Als es Jelzin gelang, Nasarbajew für die Auflösung der Sowjetunion zu gewinnen, fielen die übrigen Republiken wie Dominosteine und das Schicksal des ersten kommunistischen Staates der Welt war besiegelt.
Gorbatschow musste Niederlage hinnehmen
Gorbatschow musste schließlich seine Niederlage hinnehmen, doch sorgte er bis zum Ende für einen geregelten Übergang. Nachdem die Führer der abtrünnigen Teilrepubliken am 21. Dezember in der damaligen kasachischen Hauptstadt Alma Ata die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten erklärten, trat der Oberste Sowjet am 26. Dezember in Moskau zu seiner letzten Sitzung zusammen und beschloss das Ende des einst von Lenin gegründet Staates. Russland trat die Rechtsnachfolge an.
Das Ende der Sowjetunion bedeutete das Zerreißen von über Jahrzehnten gewachsenen Bindungen. Millionen Menschen fanden sich plötzlich außerhalb ihrer Heimat und ohne Staatsbürgerschaft vor. Wirtschaftlich war die Durchtrennung der alten Beziehungen eine Katastrophe. Dennoch vollzog sich der Übergang zur Unabhängigkeit trotz aller Probleme und Konflikte fast ausschließlich friedlich. Der einst so mächtige Staat zerfiel wie ein Koloss aus Ton.
Der Umgang mit der neuen Unabhängigkeit war schwer
Die verheerende Wirtschaftskrise und die instabile politische Lage der neunziger Jahre gab einer Nostalgie Auftrieb, in der die Situation in der Sowjetunion völlig unrealistisch verklärt wurde. Doch anders als noch vor wenigen Jahren denkt heute keine ernsthafte politische Kraft mehr an ihre Wiedererrichtung. Treffend erklärte der heutige russische Präsident Wladimir Putin einmal: "Wer die Sowjetunion nicht wieder herstellen will, hat kein Herz. Wer die Sowjetunion wieder herstellen will, hat kein Hirn."
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