Mittwoch, 21. November 2001

Acht Firmen missbrauchten Gesundheit für Profit

Die Europäische Kommission hat Rekord-Geldstrafen in Höhe von insgesamt 855,22 Millionen Euro (11,77 Milliarden S) gegen acht Vitaminhersteller verhängt: Wegen illegaler Preis- und Marktabsprachen. Für die Kommission der schlimmste Kartell-Fall, gegen den je ermittelt wurde!

Größte "Sünder" sind der Schweizer Chemiekonzern Hoffmann-La Roche und der deutsche Konzern BASF, die 462 Millionen Euro bzw. 296,16 Millionen Euro Strafe an die EU zahlen müssen.

BASF: "ungerecht"
Für den weltgrößten Chemiekonzern BASF, der allein einen Anteil von knapp 30 Prozent am globalen Vitaminmarkt beherrscht, ist die höchste Strafe in der Geschichte der Kommission ein besonders schwerer Schlag. Angesichts der weltweiten Konjunkturflaute in der Chemie sind die Gewinne der Ludwigshafener ohnehin in diesem Jahr eingebrochen, in den USA nahmen die Verluste sogar deutlich zu. Die BASF hat das von der EU verhängte Bußgeld von 296,16 Mill. Euro (296 Mill. Euro/4,08 Mrd. S) demgemäß als "unangemessen hoch" kritisiert. "Wir haben diese Höhe nicht erwartet." Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bei den Ermittlungen mit der Kartellbehörde kooperiert.

Wie die EU-Kommission mitteilte, haben die acht Unternehmen versucht, zwischen September 1989 und Februar 1999 den Wettbewerb bei einer großen Anzahl von Vitaminen auszuschalten. Dabei handelt es sich um die Vitamine A, E, B1, B2, Biotin (H), Folsäure (M), Betacarotin und Carotinoide.

Eine herausragende Rolle hätten die beiden weltgrößten Vitaminhersteller Roche und BASF bei praktisch allen Absprachen gespielt. Andere Anbieter, darunter auch die japanische Takeda Chemical Industries, seien nur an einzelnen Vitaminkartellen beteiligt gewesen.

"Schlimmste Kartelle, gegen die Brüssel je ermittelte"
EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti bezeichnete die Absprachen, die "schlimmsten Kartelle, gegen die Brüssel jemals ermittelt hat". Es habe sich um ein breites Spektrum an Vitaminen gehandelt, die in einer Vielzahl von Produkten - von Getreideflockengerichten, Keksen und Getränken über Tierfuttermitteln bis hin zu Medikamenten und Kosmetika verwendet wurden. Durch die geheimen Absprachen konnten die Hersteller zu Lasten der Konsumenten und zum eigenen illegalen Profit höhere Preise verlangen als bei einem echten Wettbewerb.

Besonders schwerwiegend: Gesundheit für Profit missbraucht!
Als besonders schwerwiegend werteten die Brüsseler Wettbewerbshüter den Umstand, dass die Absprachen Substanzen betrafen, die wesentliche Bestandteile der Ernährung sind und damit unabdingbar für ein normales Wachstum und ein gesundes Leben.

Außer den beiden Marktführern Roche und BASF wurden auch Geldstrafen gegen die französische Aventis, die niederländische Solvay, die deutsche Merck, Takeda sowie zwei andere japanische Unternehmen verhängt. Weitere fünf Hersteller, darunter die deutsche Lonza und vier japanische Firmen blieben ungeschoren, da sie ihre Teilnahme an den wettbewerbswidrigen Absprachen fünf Jahre vor Beginn der Kommissionsermittlungen oder noch früher eingestellt hatten. Österreichische Unternehmen waren nicht an dem Vitaminkartell beteiligt.

Neben der Aufteilung des Marktes waren auch gemeinsame Preissteigerungen vereinbart. Außerdem richteten die Konzerne einen Mechanismus ein, um die Einhaltung ihrer illegalen Absprachen zu überwachen und zu sichern. Sie kamen regelmäßig zusammen, um die Umsetzung ihrer Pläne zu besprechen. Bei den regelmäßigen vierteljährlichen oder monatlichen Zusammenkünften wurden Informationen über Umsätze, Absatzmengen und Preise ausgetauscht.

21.11.2001 09:42