Samstag, 24. November 2001

Interview auf eigene Kosten

Die schwarz-blaue Reform des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beginnt zu greifen. Politiker wünschen, der ORF spielt: Kärntens Landeshauptmann Haider mietet auf eigene Kosten ein TV-Team an, schickt das Interview mit sich selbst dem ORF. Und der sendet.

Am 3. Oktober, drei Wochen nach den Terrorattacken auf das New Yorker World Trade Center, wurde Manhattan vom ersten österreichischen Politiker heimgesucht. Es war – erraten – Jörg Haider, Landeshauptmann von Kärnten. Nicht als Katastrophentourist war der freiheitliche Politiker an die Stätte der Verwüstung gereist, sondern als warmherziger Onkel aus Europa. Er wolle 150 Kindern, deren Eltern bei den Anschlägen ums Leben gekommen waren, einen Winterurlaub in Kärnten und Friaul spendieren. Das Amt des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani habe positiv reagiert. Nun wolle er, Haider, eben vor Ort „die organisatorischen Grundlagen“ für die Winterfreuden der Waisenkinder besprechen.

Haider denkt ans Volk
Da Jörg Haider seine Lehrjahre nicht bei der Caritas absolviert hat, verliert er nie den politischen Mehrwert seiner gemeinnützigen Ideen aus den Augen. Sprich: Die humanitären Bemühungen des Landesvaters müssen dem Volk in der Heimat auch hinterbracht werden. Und wie setzt sich ein Politiker am effizientesten ins Bild? Richtig,mit einem hübschen Beitrag im österreichischen Leitmedium, dem ORF. Und weil Haider einer der einfallsreichsten Politiker Österreichs ist, kam es in der Folge zu einer in der Geschichte des öffentlich- rechtlichen Rundfunks noch nie dagewesenen Vorgangsweise.

Intervenieren beim ORF
Erst einmal wählte der Stab des Landeshauptmanns den üblichen Weg: Anruf in der Wiener ORF-Zentrale, man möge die USA-Korrespondenten des ORF darüber verständigen, daß ein Interviewtermin mit dem Herrn Landeshauptmann in New York eingeplant sei. Doch, o Schreck, die „Zeit im Bild 2“ zeigte kein Interesse an der Mission. Die Haider-Helfer, indigniert ob dieser provinziellen Ignoranz, drahteten in der Folge von New York aus die heimatliche ORF-Außenstelle in Klagenfurt an. Die Chefitäten des Landesstudios versprachen Abhilfe.Wieder glühten die Leitungen zwischen der Alten und der Neuen Welt. Das ORF-Büro in Washington sicherte den Kärntner Kollegen ein Interview mit dem Landeshauptmann zu. Allerdings wurden die Klagenfurter ORF-Leute auf eine Kleinigkeit aufmerksam gemacht: Die Kosten für ein Kamerateam würden sich auf 2.000 US-Dollar belaufen, die dem Landesstudio in Rechnung gestellt würden.

Kommando zurück, die Landesstudiobosse riefen neuerlich bei Haider an: 32.000 Schilling für ein Interview seien wegen des knappen Budgets nicht zu verantworten. Am 5. Oktober, einen Tag nach Haiders Rückkehr aus New York, ging um 19 Uhr 11 Minuten und 17 Sekunden in der beliebten Sendung „Kärnten heute“ der gewünschte Beitrag dennoch auf Sendung. Einmoderiert mit den schmeichelhaften Worten: „Ein Kärntner in New York.

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24.11.2001 15:15