Samstag, 24. November 2001

Bildung für alle - oberstes Wahlkampfversprechen

In Honduras finden heute Präsidenten- und Parlamentswahlen statt. Die Kandidaten, die antreten, haben das Thema Bildung an die erste Stelle ihrer politischen Prioritätenliste gesetzt. Grund: Mehr als 40 Prozent der fast sieben Millionen Einwohner des Landes sind Analphabeten.

Mehr und bessere Schulen sollen alle Hondurenser das Lesen und Schreiben lehren; besser ausgebildete Arbeitskräfte sollen einen wirtschaftlichen Aufschwung möglich machen, der das traditionell vom Kaffee- und Bananenexport lebende Land aus der bitteren Armut führt.

Mit dem Parlamentspräsidenten Rafael Pineda Ponce (71) (Bild re), dem Kandidaten der regierenden Liberalen Partei, präsentiert sich den Wählern sogar ein leibhaftiger Lehrer. "Ich möchte als der Präsident der Erziehung in die Geschichte meines Landes eingehen", sagt Pineda. Es gebe ein enormes Defizit an Grundschulen und Sekundarschulen im Lande. "Und von 100 Kindern, die eingeschult werden, erreicht nur eines die Universität", klagt Pineda.

Ginge es nach den zuletzt veröffentlichten Umfragen, dürfte der frühere Schulmeister aber gegenüber einem jüngeren Kandidaten das Nachsehen haben: dem Unternehmer Ricardo Maduro (53) (Bild li) von der leicht rechts von den Liberalen stehenden Nationalen Partei. Seine Ziele klingen ähnlich. "Das langfristige wirtschaftliche Überleben eines Landes hängt von gut ausgebildeten Arbeitskräften ab", sagt Maduro. Wichtig sei auch eine Justizreform, damit ausländische Investoren Vertrauen in Honduras fassten.

Liberale und Nationale sind seit dem 19. Jahrhundert die dominierenden politischen Kräfte in Honduras. Beide haben eine große Zahl von Stammwählern, die ihnen von der Wiege bis zur Bahre treu sind. Die Liberalen haben jetzt zwei Perioden hintereinander regiert. Ihr größter politischer Erfolg war die Entmachtung der Armee. Unter den Präsidenten Carlos Roberto Reina (1994-1998) und Amtsinhaber Carlos Flores wurden Tausende von Soldaten demobilisiert, die Wehrpflicht abgeschafft, die Polizei aus der Armee ausgegliedert und ein ziviler Verteidigungsminister eingesetzt. Wenig Erfolg gab es bei der Bekämpfung der Armut, unter der 80 Prozent des Volkes leiden. Auch die Gewaltkriminalität hat erschreckend zugenommen.

Nach wie vor steht Honduras auch im Ruf, eines der korruptesten Länder Lateinamerikas zu sein. Nach Aussage des Fernsehjournalisten Rodrigo Wong, eines Meisters im Aufdecken von Skandalen, hat es auf diesem Feld aber Fortschritte gegeben. "Unter den Regierungen der Militärs, die sich wirklich schamlos bereicherten, war alles viel schlimmer; inzwischen hat sich die öffentliche Meinung zu einem Stoßtrupp gegen die Korruption entwickelt", sagt Wong. So seien nach dem Hurrikan "Mitch", der Honduras Ende 1998 heimsuchte, auch keine Hilfsgelder mehr veruntreut worden: "Denn alle Augen waren auf die Regierung gerichtet."

24.11.2001 12:18