Dienstag, 20. November 2001

Kfz-Techniker und Autofahrerclubs warnen

"Die längeren Pickerl-Intervalle sind ein Anschlag auf die Verkehrssicherheit!" So knapp ist das Urteil von ARBÖ, ÖAMTC und KFZ-Werstatt-Betreiber zu den selteneren Autoinspektionen. Ein Experte schätzt, dass ohne jährliche Überprüfung bis zu 50.000 gefährlich kaputte Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. 15.000 von ihnen mit defekten Bremsen!

Das neue Pickerl sieht vor: Bei Neuwagen die erste Überprüfung erst nach drei Jahren. Zweiter Pickerl-Termin wäre dann nach zwei Jahren. Ab dem dritten Termin muss der Wagen wieder jährlich zur Kontrolle.

Gegen diesen Plan protestierten das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), die Autofahrerclubs ÖAMTC und ARBÖ, die Bundesinnung der Kraftfahrzeugtechniker und Wissenschafter von der Technischen Universität in Wien. Ihr Appell: Man möge die Pickerl-Idee nochmals überdenken. Und nicht bereits morgen im Parlament beschließen.

Mängel gibt´s auch bei Autos, die ein Jahr alt sind
"Mit der jährlichen Überprüfung hat Österreich eine Vorreiterrolle bei Umweltschutz und Verkehrssicherheit in Europa", sagen die Fachleute. Laut den Mängelberichten hätten etwa 1,4 Prozent der ein Jahr alten Fahrzeuge bereits das Pickerl nicht erhalten.

Bis zu 50.000 rollende Bomben auf unseren Straßen?
Der Experte für Verbrennungskraftmaschinen der TU-Wien, Dipl. Ing. Peter Lenz, schätzt: Ohne jährliche Überprüfung sind etwa 30.000 bis 50.000 Fahrzeuge mit schweren Mängeln unterwegs. Davon rund 15.000 mit Defekten am Bremssystem. So müsste nach Herstellerangaben alle zwei Jahre die Bremsflüssigkeit gewechselt werden. Nach Schätzungen von Lenz würden etwa fünf Prozent der Fahrzeuge in Zukunft mit einem defekten Abgasreinigungssystem unterwegs sein. Diese Gruppe würde aber etwa 50 Prozent des CO-Ausstoßes ausmachen.

Alois Edelsbrunner von der Bundesinnung der Kfz-Techniker kritisierte, dass die Pickerl-Änderungen nicht im Verkehrs- sondern im Verwaltungsausschuss des Parlaments behandelt wurden. Dabei seien "Experten ausgeschaltet werden". Verkehrsministerin Monika Forstinger (F) sei die fundierte Meinung der eigenen Experten schuldig geblieben. Deshalb habe man sich mit dem Hinweis auf Gefahren für den Umweltschutz in einem offenen Brief auch an Umweltminister Wilhelm Molterer (V) gewandt.

"Wann ein Mangel auftritt, bleibt dem Zufall überlassen", erklärte Kurt Vavryn, Leiter der Abteilung Fahrausbildung und Fahrzeugtechnik des KfV. Bei einer Vollbremsung sei es etwa möglich, dass ein neuer Wagen plötzlich einen Haken schlägt, weil das Bremssystem nicht überprüft wurde. Der Lenker könne diese oft "schleichenden" Schäden nicht selbst bewerten. Aus Sicht der Verkehrssicherheit sei nur vertretbar, dass die Erstbegutachtung bei Neufahrzeugen spätestens nach zwei Jahren, dann wieder jährlich erfolgt. Der Aspekt des Umweltschutzes sei dabei aber noch nicht berücksichtigt.

20.11.2001 13:35