Montag, 1. Oktober 2001

Wettbewerbsverzerrung durch Milliardenhilfe für US-Airlines

Die deutsche Lufthansa schließt nach den Worten ihres Finanzchefs Karl-Ludwig Kley wegen der Anschläge in
den USA einen weiteren Abbau von Kapazitäten nicht aus. Den Lufthansa-Piloten drohen spürbare Einkommenabstriche. Noch im Frühsommer hatten sie Gehaltserhöhungen von bis zu 30 Prozent ausgehandelt.

Zwar habe sich der Luftverkehr in einigen Bereichen leicht vom Schock der Anschläge erholt, sagte Kley, "doch die Auslastung auf Strecken in die USA und in den Nahen Osten liegt noch so weit unter Vorjahr, dass wir nicht ausschließen können, weitere Kapazitätsanpassungen vorzunehmen." Der Vorstand sehe für die internationale Luftfahrt in den kommenden Wochen noch keine Belebung. Daher seien weitere "Kapazitätsanpassungen" nicht auszuschließen. Bisher ging die Lufthansa davon aus, dass 28 von 236 Flugzeugen stillgelegt und größere Maschinen durch kleinere ersetzt werden müssen. "Wir sind sehr schnell und flexibel in der Lage, Kapazitäten anzupassen", sagte Ellerbeck.

Wettbewerbsverzerrungen
Darüber hinaus sieht Kley neue Wettbewerbsverzerrungen etwa durch Milliardenhilfen für die US-Fluglinien als ein Problem. Auf der einen Seite fordere das deutsche Bundeskartellamt auf einer Strecke wie Paderborn-München freien Wettbewerb, merkte Kley an. "Auf der anderen Seite erleben wir, dass durch die von der US-Regierung beschlossenen Hilfen Strecken wie New York - Frankfurt durch die Hintertür subventioniert werden." Hier stimme die Balance nicht.

Außerdem kritisierte Kley, dass der Wettbewerber British Airways die Staatsgarantien im Versicherungsstreit unentgeltlich erhalte, während die Bundesregierung von der Lufthansa dagegen "marktübliche Preise" verlange. Der Lufthansa zufolge gibt es neben Großbritannien auch in den USA, Luxemburg, der Türkei und der Schweiz bereits Zusagen über kostenlose staatliche Garantien. Eine solche Diskriminierung wolle die Lufthansa aber nicht dulden. "Wir haben einen europäischen Markt und brauchen eine europäische Linie," sagte Kley.

Am Freitag hatte die Lufthansa angekündigt, auf Grund der nach den Anschlägen kräftig gestiegenen Kosten für Sicherheitsmaßnahmen und Versicherungen ihre Flugpreise zu erhöhen. Zuletzt hatten weltweit Fluglinien mitgeteilt, sie wollten Arbeitsplätze reduzieren sowie Kapazitäten abbauen. Auch die Gewinnaussichten wurden bei einigen Gesellschaften zurückgenommen. Auch die Lufthansa-Führung hatte einen operativen Verlust in diesem Jahr nicht mehr ausgeschlossen.

Scharfe Kritik an den Versicherungen
Im Streit über die künftige Versicherung von Risiken nach den Terroranschlägen in den USA hat die Lufthansa scharfe Kritik an den Versicherern geäußert. Lufthansa-Finanzvorstand Ludwig Kley bezeichnete das Verhalten der Versicherungen als "monopolistisches Raubrittertum". Die Versicherungen hatten den Fluggesellschaften nach den Anschlägen bestehende Verträge innerhalb von einer Woche aufgekündigt und Terror- sowie Kriegsrisiken für die Flugzeuge nicht mehr mitversichert. Nach den Kündigungen hatte die Bundesregierung für eine Übergangszeit von vier Wochen die Haftung für Kriegs- und Terrorschäden bei Fluggesellschaften und Flughäfen in Deutschland übernommen.

Bei den Verhandlungen über die künftige Versicherung von Risiken rechnet die Lufthansa nicht mit einem schnellen Ergebnis. Lufthansa-Sprecher Thomas Ellerbeck sagte am Montag in Frankfurt, er habe "erhebliche Zweifel, dass das in den nächsten vier Wochen hinzubekommen ist". Der Deutsche Luftpool, ein Zusammenschluss von 65 Erst- und Rückversicherern, hatte vorgeschlagen, jedes Flugzeug mit einer Deckung von 150 Mill. Dollar (164 Mill. Euro/2,26 Mrd. S) zu versichern. Die Fluggesellschaften lehnen dies bisher als unzureichend ab. Bisher waren Flugzeuge bei den Schäden nach Terroranschlägen mit 1 Mrd. US-Dollar versichert. Kley erwartet, dass die bisherigen Sicherheitsaufwendungen der Lufthansa in Höhe von 700 Mill. DM um rund 25 Prozent steigen werden.

1.10.2001 12:11