Freitag, 28. September 2001

Empörung in arabischer Welt und in Europa

Italiens Ministerpräsident sorgt mit seinen Äußerungen über den Islam wieder für Wirbel. In einer Rede hatte er von einer "Überlegenheit unserer Zivilisation" gesprochen. Heftige Reaktionen kamen aus der islamischen Welt, aber auch aus Europa. Berlusconi entschuldigte sich am Freitag bei seinen "arabischen und islamischen Freunden" und sprach von einem Missverständnis.

Berlusconi beteuerte, dass seine Aussagen über die Überlegenheit der westlichen Zivilisation gegenüber dem Islam missverstanden worden sind. "Ein einziges Wort ist aus dem Kontext genommen und falsch interpretiert worden", sagte der Premier. Er machte die oppositionelle Mitte-Links-Allianz für die internationale Polemik verantwortlich, die um seine Aussagen entstanden sind. "Die Opposition tut alles, um die Wahrheit umzudrehen. Dies hat sie auch während der Wahlkampagne gemacht. Die Wähler haben dies aber begriffen und haben sie bestraft", so Berlusconi.

Arabische Liga sieht Äußerungen als Kriegserklärung an den Islam
"Das ist eine wirkliche Kriegserklärung an den Islam und die islamische Zivilisation" erklärte der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Mussa, gegenüber der italienischen Zeitung "La Repubblica". Berlusconi habe eineinhalb Milliarden Moslems beleidigt. Auch Frankreich reagierte heftig. Italiens Senatspräsident Marcello Pera wurde von einem offiziellen Termin in Paris ausgeladen.

Berlusconi hatte am Mittwoch in Berlin gesagt: "Wir müssen uns der Überlegenheit unserer Zivilisation bewusst sein - ein System, das Wohlstand garantiert, die Wahrung der Menschenrechte und im Gegensatz zu islamischen Ländern die Respektierung religiöser und politischer Rechte." Der Westen werde fortfahren, Völker zu besiegen, so wie er den Kommunismus besiegt habe. Dabei werde man auch der Konfrontation mit einer anderen Zivilisation wie der islamischen nicht ausweichen. Die USA und die EU haben diese Äußerungen zurückgewiesen. Von der österreichischen Bundesregierung lag vorerst keine offizielle Stellungnahme vor, Parteienvertreter kritisierten aber die Aussagen des italienischen Premiers.

Reaktionen aus USA und Deutschland:
Die deutsche Regierung ging deutlich auf Distanz zu den Äußerungen Berlusconis. Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sagte am Freitag in Berlin, bei den Reaktionen auf die mutmaßlich von Islamisten verübten Anschläge in den USA gehe es der Bundesregierung um den Kampf gegen den Terrorismus und nicht gegen andere Kulturen.

Frankreich
Der Präsident der französischen Nationalversammlung, Raymond Forni, sagte am Freitag ein Treffen Anfang Oktober mit Italiens Senatspräsident Pera ab. Berlusconis Bemerkungen seien schockierend und verletzend, erklärte der Sozialist Forni zur Begründung.

Iran
Empört reagierte der iranische Außenminister Kamal Kharrazi auf Berlusconi. Der US-Sender CNN zitierte Kharrazi mit den Worten: "Diese Äußerungen sind das Ergebnis der Unwissenheit des italienischen Premiers über die islamische Kultur und Zivilisation und ihre fundamentalen Auswirkungen auf die westliche Welt". Teheran erwarte, dass der italienische Regierungschef seine Aussagen korrigiere.

Ägypten
Unter Berufung auf einen ägyptischen Regierungsvertreter meldete die Nachrichtenagentur MENA, Ägypten bedauere die "merkwürdigen Äußerungen" Berlusconis, wonach der Islam die Menschenrechte nicht respektiere. Am befremdlichsten sei jedoch, dass Berlusconi die Hoffnung geäußert habe, dass der Westen den Islam besiege.

Berlusconi: "Bin missverstanden worden"
Berlusconi selbst hat gegenüber Mitarbeitern erklärt, er sei von den Medien missverstanden worden. "Es tut mir leid, dass einige meiner Worte, die aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und schlecht interpretiert wurden, die Sensibilität meiner arabischen und islamischen Freunde verletzt haben." Das erklärte der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi am Freitag in einer Rede vor dem römischen Senat.

Scharfe Kritik aus Österreich
In Österreich gab es scharfe Kritik an Berlusconi vor allem von Seiten der SPÖ. Der SPÖ-Europaabgeordnete Hannes Swoboda meinte in einer Aussendung, diese Arroganz sei fehl am Platz und "genau das Gegenteil dessen, was Europa im Augenblick an politischem Augenmaß braucht." Der außenpolitische Sekretär der SPÖ, Albrecht Konecny, nannte die Äußerung des italienischen Ministerpräsidenten "dreist" und "völlig unangebracht". Konecny kritisierte zudem das "Schweigen" von Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V).

28.9.2001 15:51