Dienstag, 18. September 2001

Bin Laden spekulierte angeblich auf fallende Aktien

Börsenaufsichten rund um den Globus prüfen, ob Terroristen um Osama Bin Laden vor den Anschlägen in der vergangenen Woche selbst mit Insidergeschäften profitiert haben. Mehrere Behörden hätten in einer Telefonkonferenz bereits erste Informationen über mögliche Unregelmäßigkeiten ausgetauscht, sagte die Sprecherin des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel (BAWe), Regina Nößner.

"Wir wissen noch nicht, ob es solche Spekulationen gab", betonte Nößner. Tokios Börsenpräsident Masaaki Tsuchida sagte, eine Untersuchung laufe gerade an. Stelle sich heraus, dass Terroristen Geschäfte gemacht hätten, würden die erforderlichen Schritte eingeleitet.

In die Ermittlungen ist auch die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange eingeschaltet. Die SEC-Ermittler untersuchten "zahlreiche Aktionen am Markt in Verbindung mit diesen furchtbaren Taten", erklärte SEC-Chef Harvey Pitt. Gerüchten zufolge steckt der saudische Fundamentalistenführer Bin Laden hinter umfangreichen Spekulationen. Betroffen sind möglicherweise Aktien in Deutschland, Frankreich und Japan; auch am Devisenmarkt könnten sich Hintermänner der Täter von New York und Washington bereichert haben. Medienberichten zufolge spekulierten Terroristen unter anderem erfolgreich auf einen Kursrutsch der Münchener Rückversicherung.

Die Börsenaufsichten hätten vereinbart, sich im Rahmen der International Organization of Securities Commissions (IOSCO) "gegenseitig auf dem Laufenden zu halten", sagte BAWe-Sprecherin Nößner. Die Frankfurter Behörde gehe dabei ihrer "ganz normalen Marktüberwachungstätigkeit nach". Bewegungen würden "routinemäßig" überprüft; die Experten suchten "nach auffälligen Kursentwicklungen oder besonderen Umsätzen". Einen konkreten Verdacht gebe es nicht. Die Untersuchungen würden auch nicht auf einzelne Aktien beschränkt. "Aber wir werden sicher Prioritäten setzen", sagte Nößner. Einzelheiten wollte sie ebensowenig nennen wie einen möglichen Abschlusstermin für die Untersuchungen.

Der als mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge vom 11. September gesuchte Bin Laden soll einen Tag vor den Selbstmord-Attentaten und am Tag selbst so genannte Leerverkäufe unter anderem mit Aktien der Münchener Rück und des französischen Versicherungskonzerns Axa getätigt haben. Die Aktien besaß der Milliardär dabei noch gar nicht. Er kaufte sie offenbar vielmehr erst, als die Kurse nach den Anschlägen absackten und stieß sie dann mit Gewinn zu dem vorher vereinbarten höheren Preis wieder ab. Dabei könnte er davon profitiert haben, dass verkaufte Aktien generell erst zwei Tage nach dem Geschäft beim neuen Eigentümer abgeliefert werden müssen.

Das BAWe untersuchte vor allem Aktien von Versicherungen. Nach Informationen des "Corriere della Serra" informierten die Frankfurter ihre US-Kollegen von der SEC über verdächtige Kursbewegungen bei der Münchener Rück. Die Börsenaufsichten in Italien und Japan bestätigten Prüfungen verdächtiger Transaktionen am 10. und 11. September.

Dem Mailänder "Corriere della Serra" zufolge prüfen Behörden mögliche finanzielle Verbindungen nach Luxemburg, in die Schweiz, nach Monte Carlo und vor allem nach Zypern, wo Bin Ladens Organisation eine Basis mit Firmensitz, Büroräumen und Beschäftigten haben soll. Die Schweizer Tageszeitung "Blick" berichtete über mögliche Verbindungen einer in Panama ansässigen Finanzgruppe mit Niederlassung im Schweizer Lugano zu Bin Laden.

18.9.2001 16:14