Sonntag, 23. September 2001

52 Männer bei Razzia auf Nilschiff festgenommen

Im großen Saal des Kairoer Staatssicherheitsgerichts bricht ein kleiner Tumult aus, als die 52 Angeklagten in den Saal geführt werden. Kameraleute und Fotografen drängen sich um die Gruppe von Männern, versuchen Bilder der "Sünder" zu ergattern, die ganz Ägypten sehen will. Sie müssen sich wegen "unmoralischer Praktiken" verantworten - weil sie homosexuell sind.

Die wegen Homosexualität angeklagten jungen Männer schützen sich im Gerichtssaal so gut es geht vor den Blicken der Medienvertreter. Mit Taschentüchern, Plastiktüten und weißen Kapuzen verhüllen sie ihre Gesichter. Sie wollen ihren Familien die "Schande" ersparen. Doch es ist schon zu spät. Die Kairoer Tageszeitungen haben bereits Listen mit den Namen der 52 Ägypter veröffentlicht, die sich hier wegen "unmoralischer Praktiken" verantworten müssen.

Im Mai waren die Männer bei einer Razzia auf einem Nilschiff, das als Treffpunkt der Schwulenszene galt, verhaftet worden. Die Kairoer Presse veröffentlichte kurz darauf die Namen und zum Teil sogar die Adressen und Fotos der angeblichen Schwulen. In der islamisch geprägten Gesellschaft Ägyptens, in der Homosexualität ein absolutes Tabu ist, eine kaum zu ermessende Schande.

In der Haft gefoltert
Aus diesem Grund setze sich auch keine einzige ägyptische Menschenrechtsorganisation für die jungen Männer ein, erklärt ein westlicher Prozessbeobachter. "Ihr Image würde darunter leiden." Internationale Menschenrechtsorganisationen dagegen haben gegen die Anklage und die Behandlung der Männer, die während der Haft gefoltert worden sein sollen, Protest eingelegt. Auch deutsche Parlamentarier appellierten Anfang September an die ägyptische Regierung, sie soll die Rechte Homosexueller achten.

Homosexualitäts-Verbot wird in diesem Land nicht in Frage gestellt
In einem Käfig zusammengepfercht, wie es bei Prozessen am ägyptischen Staatssicherheitsgericht üblich ist, verfolgen die Angeklagten den Verhandlungstag. Die Verteidiger legen ihre Argumente vor. Sie stützen sich hauptsächlich auf Verfahrensfehler und die dürftige Beweislage. Das Homosexualitäts-Verbot selbst stellt niemand in Frage. Einer der Angeklagten ruft plötzlich aus dem Käfig heraus, er sei damals gar nicht auf dem Schiff gewesen, sondern später gegen den bei der Razzia festgenommenen Sohn eines ranghohen Militärs ausgetauscht worden.

Immer noch verbergen fast alle der 52 Männer ihre Gesichter mit weißen Säcken, obwohl sie wegen der Hitze und der Enge im Käfig schwitzen. Familienmitglieder im Saal geben ihnen Handzeichen. Selbst auf dem Hof vor dem Gerichtssaal stehen Angehörige und versuchen, durch das Fenster einen Blick auf die Männer zu erheischen.

Auch Magueds Bruder ist unter den Beklagten. "Es ist absolut falsch, jemanden wegen seines Privatlebens zu verurteilen", sagt der 23-Jährige, "Solange er niemandem wehtut, soll doch jeder machen, was er will." Das Problem sei nicht, dass es in Ägypten Homosexuelle gebe, sondern dass sie sich öffentlich zeigten, kommentiert eine ägyptische Diplomatin, die die Verhandlung verfolgt. "Damit verletzen sie die Normen unserer Gesellschaft, und dann muss man gegen sie vorgehen."

Wann mit den Urteilen für die 52 Angeklagten zu rechnen ist, weiß zur Zeit noch niemand. Nur ein Minderjähriger, dessen Verfahren abgetrennt worden war, ist bereits verurteilt. Der Richter verurteilte den 17-Jährigen zu drei Jahren Haft und Zwangsarbeit.

23.9.2001 09:00