Freitag, 21. September 2001

Jeder vierte 80-Jährige in Gefahr

In Österreich sind annähernd 100.000 Menschen betroffen. Weltweit, schätzen Experten, leiden bereits 18 bis 22 Millionen Menschen an der fortschreitenden Hirnleistungsstörung Alzheimer. Traurig: Vor allem im ländlichen Bereich finden Betroffene zu wenige Hilfseinrichtungen.

Anlässlich des Welt-Alzheimertages mahnen auch österreichische Experten eindringlich, dass die Informations- und Betreuungsangebote für direkt Betroffene und Angehörige ausgebaut werden müssen.

Am Land ist die Situation für Betroffene katastrophal
"Es gibt gute Angebote im Stadtbereich, in ländlichen Gebieten ist die Situation zum Teil katastrophal." - Dies erklärte Antonia Croy, Präsidentin der Alzheimer Angehörige Austria. Die Betroffenenvertreterin betonte besonders den Nachholbedarf an Tageszentren, wo Demenzpatienten tagsüber betreut werden können. Dadurch werden die Angehörigen zeitweise entlastet. Sonst müssten sie sich ja de facto 24 Stunden am Tag um die Erkrankten in ihrem engsten sozialen Umfeld kümmern. Antonia Croy: "In den großen Stadtbereichen wurden die Tageszentren ganz gut aufgebaut, im ländlichen Bereich so gut wie gar nicht." Noch immer gibt es tragische Fälle, in denen Alzheimer-Kranke sogar noch "versteckt" werden.

Informationen und Hilfseinrichtungen müssen leicht erreichbar sein
Information, Hilfsangebote und soziale Einrichtungen müssen vorhanden sein, um von der fortschreitenden Demenz Betroffenen und ihren Angehörigen - neben den rein medizinischen Aspekten - zu helfen. Lotte Tobisch-Labotyn, Ehrenvorsitzende der Österreichischen Alzheimer Liga: "Es ist ungeheuer wichtig, dass man die 'Angelegenheit Alzheimer' unter die Leut' bringt. Wir wissen aus der Statistik, dass jeder vierte Mensch im 80. Lebensjahr entweder durch den Morbus Alzheimer gefährdet ist oder daran erkrankt."

Syptome erst nach Jahren erkennbar
Im Rahmen dieser Form der Demenz kommt es im Laufe von vielen Jahren zu einer Ansammlung von aus einem Vorläuferprotein "falsch" entstehendem und nicht abbaubaren Amyloid-Protein im Gehirn. Das löst offenbar nach vielen Jahren Vorlaufzeit die Symptome aus. Der Wiener Alzheimer-Spezialist Univ.-Prof. Dr. Peter Dal-Bianco von der Universitätsklinik für Neurologie am AKH, über die in Entwicklung stehenden Behandlungsstrategien: "Man versucht, eine Impfung zu schaffen, die das Immunsystem gegen das krank machende Eiweiß alert zu macht." Bisher wird ein solches Vakzin in Großbritannien und den USA allerdings erst auf die Verträglichkeit - und noch nicht auf die Wirkung - getestet.

Eine andere Strategie: Die Hemmung der im Gehirn vorkommenden Enzyme Gamma- und Beta-Sekretase, welche zum falschen "Abschneiden" des Beta-Amyloid-Proteins führen. Dal-Bianco: "Diese Sekretase-Hemmer-Ansatz gefällt mir besser, weil er einen Schutz (vor Morbus Alzheimer, Anm.) bieten könnte."

Derzeit können die modernen Anti-Alzheimer-Medikamente (Cholinesterase-Hemmer) den Zustand der Patienten nicht verbessern, auch nicht stabilisieren, sondern verzögern den weiteren geistigen Abbau um sechs Monate bis ein Jahr. Offenbar wegen der Kosten gibt es aber sogar schon hier erste Probleme bei den österreichischen Krankenkassen. Prim. Dr. Marion E. Kalousek, Präsidentin der Österreichischen Alzheimer Liga: "Wir haben einzelne Chefärzte, die sich weigern, auch die Verschreibung von Cholinesterase-Hemmern zu genehmigen."

21.9.2001 08:34