Ökonomen rechnen bis Jahresende mit Zinssenkung

Die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) hat zwei Tage nach dem verheerenden Terrorangriff in den USA kühlen Kopf bewahrt und die Leitzinsen im Euroraum nicht gesenkt. Die Währungshüter sicherten auf ihrer Sitzung am Donnerstag in Frankfurt allerdings zu, die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft sorgfältig zu beobachten.
Die EZB stehe in engem Kontakt mit der US-Notenbank (Fed) sowie anderen wichtigen Zentralbanken der Welt.
Der EZB-Rat bekräftigte erneut, im Notfall mit geldpolitischen Maßnahmen die Stabilität der internationalen Finanzmärkte zu gewährleisten. Für die US-Konjunktur befürchtet die Notenbank-Spitze nach den Terroranschlägen in New York und Washington zunächst keine ernsten Folgen. Die grundsätzliche Stärke und Widerstandskraft der amerikanischen Ökonomie werde nicht beeinträchtigt.
Der wichtigste Zinssatz zur Versorgung der Kreditwirtschaft mit Notenbank-Geld bleibt in der Eurozone damit bei 4,25 Prozent. Der Zins für die Spitzenrefinanzierung beträgt 5,25 Prozent. Der Satz für kurzfristige Einlagen bei der EZB liegt bei 3,25 Prozent.
EZB zeigt Entschlossenheit
Vor der Zinsentscheidung zeigte die EZB ihre Entschlossenheit, möglichen Störungen an den Finanzmärkten vorzubeugen. Zum zweiten Mal bot sie der Kreditwirtschaft schnelles Geld an. Wie bereits am Mittwoch konnten sich die Institute mit Tagesgeld zu einem Festzins von 4,25 Prozent eindecken. Die Zuteilung betrug 44 Mrd. Euro (605 Mrd. S). Am Vortag hatte die EZB die Banken mit 69,3 Mrd. Euro bedient, da es am Geldmarkt zu Panikreaktionen gekommen war.
In der Kreditwirtschaft war mit einer Zinssenkung schon in dieser Woche überwiegend nicht gerechnet worden. EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte Spekulationen über einen raschen Zinsschritt nach unten selbst gedämpft. Eine solche Entscheidung kurz nach den Terroranschlägen hätte den Eindruck einer Panikreaktion erwecken können. Zuletzt hatte die Notenbank alle drei Leitzinsen am 30. August um jeweils 0,25 Prozentpunkte zurückgenommen.
Zinssenkungen bis Jahesende gelten als sicher
Neue Zinssenkungen für die zwölf Euro-Länder bis Jahresende gelten aber als sicher. "Aufgehoben ist nicht aufgeschoben - die EZB muss mit ihren Zinsen runter", kommentierte der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Klaus Friedrich, die Ratsentscheidung vom Donnerstag. "Eine Zinssenkung wäre eine schöne solidarische Geste für die USA gewesen." Sein Kollege Michael Hüther von der DGZ-Deka Bank sagte: "Die EZB sollte die Zinsen senken. Dies würde die Märkte beruhigen." Ohnehin sprächen der nachlassende Inflationsdruck und die befürchtete Rezessionsentwicklung in Euroland für eine Lockerung der Geldpolitik.
Der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, erwartet angesichts der unsicheren Konjunkturlage in den kommenden Monaten einen Zinsschritt von 1,0 Prozent nach unten. "Eher wäre mehr nötig", meint er. Auch die Fed dürfte nach seiner Überzeugung auf den Terrorakt mit weiteren Zinssenkungen reagieren, um ein Abdriften der US-Wirtschaft in eine Rezession zu verhindern. Seit Jahresbeginn hat Fed-Chef Alan Greenspan den wichtigsten US-Zinssatz schon sieben Mal um insgesamt 3,0 Punkte auf 3,5 Prozent gesenkt.

