Nervöses Rätselraten um Eröffnungskurse der US-Börsen
Mit Höchststpannung erwartet die europäische Börsenwelt die Eröffnung der wegen der Terrorkatastrophe weiterhin geschlossenen US-Börsen. Die europäischen Aktienmärkte seien derzeit ohne die Wall Street "kopflos", beschreibt Erste Bank-Analyst Harald Methlagl die Bedeutung der Weltleitbörse. Die größte Börse Lateinamerikas in der brasilianischen Metropole Sao Paulo hat indessen erneut drastische Kursstürze erlitten.
Der Bovespa-Index purzelte um 7,26 Prozent oder 807,24 in die Tiefe. Mit 10 306,24 Zählern erreichte er das tiefste Niveau seit dem 23. August 1999. Der Bovespa hatte bereits am Dienstag nach den Anschlägen in den USA um mehr als neun Prozent nachgegeben und am Mittwoch nur eine leichte Erholung von 2,64 Prozent verzeichnet.
Händler berichteten von einer "wahren Anlegerflucht", die am Donnerstag besonders für die ausländischen Investoren gegolten habe. In Sao Paulo herrsche eine Pessimismus-Welle wegen der allgemein unübersichtlichen Lage in den USA, der Finanzkrise in Argentinien und der politischen Ungewissheit in Brasilien gut 13 Monate vor den Präsidentenwahlen des nächsten Jahres.
In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires nahm die Börse unterdessen nach den Anschlägen in den USA erstmals wieder den Handel auf. Der Merval-Index fiel dabei um 2,66 Prozent oder 7,25 Punkte auf 265,09 Einheiten. Die Börse in Mexiko-Stadt blieb dagegen weiter geschlossen. Wann die Wiederaufnahme des Handels erfolgen soll, blieb vorerst unbekannt.
Bangen um Eröffnungskurse der Wall Street
Die Eröffnungskurse der Wall Street seien "das große Fragezeichen" für die Finanzwelt, meinte auch der Raiffeisen Zentralbank (RZB)-Chefanalyst Peter Brezinschek. Die Einschätzungen von Experten für den ersten Handelstag der Wall Street nach den Anschlägen reichen von der Möglichkeit eines Crash bis zu einem Handelsschluss im positiven Terrain.
Bis zur spätestens für Montag angekündigten Eröffnung der US-Börsen dürften die europäischen Märkte aber weiter paralysiert sein. "In Europa ist jetzt Tauchstation angesagt", so Brezinschek, bis zur Wiederaufnahme des Handels in den USA sollten sich die Börsen weiter extrem volatil und richtungslos zeigen. Bis zu diesem Zeitpunkt sei es auch praktisch unmöglich, eine realistische Prognose über die weitere Richtung der Märkte zu treffen, so der Grundtenor der Experten. Historische vergleichbare Situationen als Erfahrungswert gebe es nicht.
Europäische Börsen eigentlich voll funktionsfähig
Dabei seien die europäischen Börsen trotz des Fehlens der Weltleitbörse Wall Street prinzipiell voll funktionsfähig. Da von der Katastrophe auch global agierende Marktteilnehmer wie Morgan Stanley direkt betroffen waren, handle es sich zwar um ein weltweites Infrastrukturproblem, so Brezinschek. Das Fehlen wichtiger international tätiger Investmenthäuser habe sich aber bis dato nicht merklich ausgewirkt, so Erste Bank-Experte Methlagl.
Handel in Europa insgesamt volatil aber ruhig
Die Umsätze am Frankfurter Finanzplatz seien in den letzten Tagen sehr hoch gewesen. Vor allem die Aktien direkt von der Katastrophen betroffener Branchen - wie Versicherer und Fluglinien - seien regelrecht in den Keller geschickt worden. Brezinschek berichtet vor allem von Geschäften in Absicherungsinstrumenten wie Indexfutures in Europa. Insgesamt dürfte sich der Handel aber bis Aufnahme des US-Handels in Europa zwar volatil aber ruhig gestalten. Das "große Rätselraten" um die US-Eröffnung dürfte das Geschehen prägen. Lediglich im Fall eines militärischen Vergeltungsschlags könnte es zu größeren Ausschlägen kommen.
Naydaq Europe
Die Nasdaq Europe hat den Handel mit in Brüssel notierten US-Werten wieder aufgenommen. Zu den zehn US-Aktienwerten, die ein Doppellisting an der US-Technologiebörse und in Brüssel haben, gehörten NTL, Global TeleSystems und Vasco Data Security, teilte die Börse am Donnerstag mit. Rund 200 nicht an der Nasdaq Europe notierte US-Werte, die normalerweise aber über die Börse gehandelt werden dürfen, seien weiterhin vom Handel ausgesetzt, hieß es.
Gegen 11.00 Uhr MESZ war nach Angaben der Nasdaq-Europe-Website noch kein Handel in NTL und Global TeleSystems zu verzeichnen. Die Internetseite zeigt die letzten Preise mit fünfzehnminütiger Verspätung. NTL-Titel wurden demnach für 2,25 Dollar (2,5 Euro/34,2 S) angefragt, und für 3,95 Dollar zum Verkauf angeboten. Der Montagsschlusskurs der NTL-Aktien lag bei 3,45 Dollar.
Für Global wurden den Angaben zufolge 0,05 Dollar geboten. Angeboten wurden die Papiere für 0,08 Dollar. Der Schlusskurs vom Montag lag bei 0,07 Dollar.
Großbanken nehmen US-Geschäft nach Anschlägen wieder auf
Die Deutsche Bank nimmt nach eigenen Angaben am Donnerstag ihr US-Geschäft wieder auf, nachdem die Finanzmärkte in den USA nach den Terroranschlägen für zwei Tage komplett geschlossen waren.
Unklar sind jedoch die weiter reichenden Folgen der Anschläge für Deutschlands größte Bank, etwa im Hinblick auf das operative Geschäft oder das geplante Listing von Deutsche-Bank-Aktien in den USA. Nach fünf bis zehn Mitarbeitern der Deutschen Bank, zu denen bisher kein Kontakt bestehe, werde weiterhin gesucht, sagte Deutsche Bank-Sprecher Ronald Weichert.

