Donnerstag, 13. September 2001

Einbruch des Vertrauens in die USA

Die Katastrophe, die neben dem Angriff auf das Pentagon die USA in Schock versetzte, hat bei Experten sogleich auch Sorgen vor einer eventuellen weltweiten Rezession als Folge ausgelöst. Ökonomen sagten, ein Rückgang der weltweiten Wirtschaft sei nahezu sicher, nachdem es bereits zu dramatischen Kursstürzen an den Börsen kam.

Analysten spekulierten über einen massiven Einbruch des Vertrauens in die USA, das misstrauische Anleger für unbestimmte Zeit dazu bewegen könnte, erstmal nur in Gold und andere Werte zu investieren.

In den vergangenen Jahren galten die USA bei Investoren als sicherer Hafen - Billionen Dollar wurden in der Annahme investiert, mit der Anlage bessere Renditen zu erzielen als in Europa und anderswo. Aber die Anschläge auf das World Trade Center in New York und das US-Verteidigungsministerium haben nach Einschätzung von Ökonomen dies Urvertrauen in die USA erschüttert. Die Märkte in den USA, die fast zwei Drittel des weltweiten Kapitalflusses anziehen, wurden am Dienstag geschlossen und sollten auch am Mittwoch nicht wieder eröffnen. Dadurch blieb zunächst spannend, wie die Märkte auf die Anschläge reagieren würden. Der Chefökonom von Wells Fargo and Co, Sung Won Sohn, bezeichnete aber eine echte weltweite Rezession bereits als "sehr wahrscheinlich". US-Präsident George W. Bush unterstich hingegen in einer Ansprache an die Nation, die Finanzinstitutionen blieben "stark" und die US-Wirtschaft werde ihre Geschäfte weiterhin offen führen.

Die US-Notenbank erklärte, sie setze ihre Arbeit fort und werde für die notwendige Liquidität sorgen. Die Europäische Zentralbank (EZB) teilte mit, sie sei ebenfalls bereit, für die Liquidität zu sorgen, um die Finanzmärkte aufrecht zu erhalten. US-Finanzminister O'Neill erklärte, die Finanzmärkte seien stark und widerstandsfähig. Das Finanzsystem habe angesichts der Tragödie "außerordentlich gut" funktioniert. Er sei zuversichtlich, dass sich daran auch in den nächsten Tagen nichts ändern werde.

Sohn von Wells and Fargo sagte, er rechne mit einer "Massenpanik" von Verkaufsaufträgen, sobald die US-Börsen wieder geöffnet würden, vor allem einen Run auf Versicherungwerte, mit entsprechenden Folgen für das Finanzsystem und Druck auf die US-Notenbank, die Zinsen weiter zu senken. Wegen der angespannten Wirtschaftslage hatte die Fed in diesem Jahr die Zinsen in sieben Schritten um insgesamt drei Prozentpunkte gesenkt.

Globale Rezession möglich
Der weltweit als Schock empfundene Anschlag auf die Schlüsselsymbole des US-Militärs und der Finanzwelt ereignete sich inmitten einer Phase globaler Verlangsamung der Wirtschaft. Die US-Wirtschaft wächst seit Monaten kaum noch, die europäische ging zürück und die japanische schrumpfte im zweiten Quartal deutlich. "Dies könnte wirklich eine globale Rezession auslösen", sagte der Chef von US Global Investor, Frank Holmes.

USA nicht länger sicherer Kapitalhafen?
Vor den Anschlägen hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses Jahr noch ein weltweites Wachstum von 2,7 Prozent vorhergesagt. Im vergangenen Jahr hatte die Weltwirtschaft noch um fünf Prozent zugelegt. Ökonomen sagten, das Schlimmste, was passieren könnte, wäre eine dramatische Kapitalflucht aus US-Vermögen. Dadurch könnten die ohnehin schwachen Börsendaten einbrechen und zu der ersten Rezession in den USA seit mehr als einem Jahrzehnt führen. Die USA könnten dann nicht längerer als sicherer Hafen für Kapitalanleger betrachtet werden, sagte Kathryn Kobe, Ökonomin bei Joel Popkin and Co in Washington.

Teile der US-Wirtschaft, vor allem im verarbeitenden Bereich, stecken bereits in einer verdeckten Rezession. Aber die Verbraucher waren bisher zuversichtlich geblieben und hatten mit ihren Ausgaben die Wirtschaft flott gehalten. Sollte die Wall Street in New York mit einem Kurssturz eröffnen, würde das Vertrauen und voraussichtlich auch der Konsum sinken. Die US-Wirtschaft, die größte der Welt, wuchs im zweiten Quartal nur um 0,2 Prozent. Analysten fürchten, dass durch die Anschläge nun sogar ein Minuswachstum entstehen könnten.

Brasilianische Börse erholt sich langsam
Die Börse der brasilianischen Wirtschafts- Metropole Sao Paulo hat nach den Anschlägen in den USA als einziger Wertpapiermarkt in Lateinamerika den Handel wieder aufgenommen. Der Bovespa-Index erholte sich dabei am Mittwoch nur leicht von der rasanten Talfahrt des Vortags, als in nur gut einer Handelsstunde vor Abbruch des Handels ein Minus von 9,18 Prozent verzeichnet worden war. Der Bovespa ging am Mittwoch nach einem Anstieg um 2,64 Prozent oder 285,54 Einheiten bei 11.113,50 Punkte aus dem Handel.

"Wir haben im Gegensatz zu anderen Börsen besondere Verpflichtungen mit dem Markt und den Händlern", erklärte ein Sprecher des größten Wertpapiermarkts des Subkontinents die Wiederaufnahme des Handels. Händler hatten in Sao Paulo zunächst am Mittwoch eine Fortsetzung der Talfahrt prognostiziert. Der Anstieg wurde danach mit dem "allgemein niedrigen Preisniveau" erklärt.

13.9.2001 10:03