Mittwoch, 5. September 2001

Ein gigantischer Konzern entsteht

Jetzt sagen sie IBM den Kampf um die Nr. 1 an: Die Fusion der beiden Giganten Hewlett-Packard und Compaq ist die Elefantenhochzeit der Branche. Kaufpreis: 25 Milliarden Dollar (27,6 Mrd. Euro/379 Mrd. S). HP soll 64 Prozent erhalten, Compaq 36 Prozent. HP-Chefin Carly Fiorina wird Vorsitzende des neuen Unternehmens. 18.000 Arbeitsplätze wurden bereits abgebaut.

Die beiden US-Computerkonzerne Hewlett-Packard (HP) und Compaq wollen fusionieren, um sich gegen den harten Preiskampf in der Branche und die abnehmenden Computer-Absätze zu behaupten. Das Geschäft habe ein Volumen von 25 Mrd. Dollar (27,6 Mrd. Euro/379 Mrd. S) in Aktien, teilten beide Gesellschaften am Dienstag (MESZ) mit. Durch das Zusammengehen werde ein Unternehmen mit einem Umsatz von 87,4 Mrd. Dollar (96,3 Mrd. Euro/1.326 Mrd. S) entstehen. Die Fusion werde bis Mitte des Geschäftsjahres 2004 zu voraussichtlichen Kosteneinsparungen in Höhe von 2,5 Mrd. Dollar führen.

Abbau tausender Stellen geplant
Beim Zusammenschluss der US-Computerkonzerne Hewlett-Packard und Compaq sollen weltweit 15.000 Stellen wegfallen. Aufstellungen nach Ländern gibt es nach Angaben der Unternehmen noch nicht.

Die beiden Unternehmen haben nach Einschätzung des Marktforschungs-Unternehmens Gartner Group. viele Positionen doppelt besetzt. Allein in Singapur könnten rund 4.000 Arbeitsplätze wegfallen, berichtete die US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg. Hewlett-Packard hat in Singapur 6.500 Mitarbeiter, Compaq 1.000. In den vergangenen Monaten hatten die Unternehmen bereits unter dem Druck der Krise in der Technologiebranche massiv Arbeitsplätze abgebaut. Compaq strich weltweit 8.500 Stellen, davon 300 in Deutschland. HP baute bis zu 9.000 Arbeitsplätze ab. Das neue Unternehmen soll weltweit 145.000 Mitarbeiter haben.

Österreich von Sparkurs betroffen
Auch Österreichs Niederlassungen werden von der radikalen Sparkur getroffen. In welchem Ausmaß? Da hüllen sich die Giganten in Schweigen.

Die Mitarbeiter
+ Rund 400 Mitarbeiter beschäftigt Compaq nach offiziellen Angaben.
+ Über 500 Mitarbeiter gibt Hewlett-Packard als aktuellen Stand an. Zum Bilanzstichtag 2000 (31.10.) waren es 471.

18.000 Jobs weg: Stellenabbau wird auch Österreich treffen
Vom konzernweiten Stellenabbau um 9.000 Arbeitsplätze, den HP im Juli verkündet hat, werde auch Österreich betroffen sein. Neue Hoffnungen setze HP Österreich auf den neuen Heim-PC "Pavilion" mit DVD-Laufwerk, der erst am 16. August in Österreich eingeführt worden sei.

Bis Ende 1. Quartal 2002 wird Compaq, das weltweit den Abbau von 9.000 Mitarbeitern angekündigt hat (71.300 waren Ende März beschäftigt) auf internationale Arbeitsteilung (shared services) umstellen. Österreich wird in noch unbekannter Höhe auch betroffen sein.

Die Zentralen - künftiger Sitz noch nicht geklärt
Beide Unternehmen haben die Österreich-Zentralen in Wien.
+ Hewlett-Packard in Kagran (22. Bezirk),
+ Compaq im 23. Bezirk.

Wo der künftige Firmensitz der fusionierten HP/Compaq sein wird, steht laut HP-Pressesprecherin Sonja Kölich noch nicht fest. In Wien hat HP auch die Zentrale International Sales Europe, die für das Geschäft in Zentral- und Osteuropa, Südeuropa, Zentralasien, Naher Osten und Afrika - insgesamt 120 Länder - zuständig ist. Die administrative Europa-Zentrale von HP sitzt in Genf, die Österreich-Umsätze werden bei HP in Amsterdam konsolidiert.

HP soll 64 Prozent erhalten
Die in Palo Alto ansässige HP werde 64 Prozent an dem fusionierten Konzern besitzen, die in Houston ansässige Compaq 36 Prozent. Chefin (CEO) und Chairman des neuen Unternehmens wird Carly Fiorina, bisher CEO und Chairman bei HP. Compaq-Chef Michael Capellas wird Präsident des fusionierten Konzerns.

Gemeinsam die Branche prägen
Der Vereinbarung beider Firmen zufolge sollen Compaq-Aktionäre für jede eigene Aktie 0,6325 HP-Papiere erhalten. Damit würde Compaq mit 14,68 Dollar je Aktie bewertet, was einem Aufpreis von fast 19 Prozent auf den Compaq-Schlusskurs am vergangenen Freitag von 12,35 Dollar entspricht.

"In einer Zeit besonderer Herausforderungen für die IT-Industrie hebt uns dieser Zusammenschluss in eine führende Position bei Kunden und Partnern. Gemeinsam werden wir die Branche in den kommenden Jahren prägen", erklärte HP-Chefin Fiorina.

Konkurrent für IBM und Sun Microsystems
Der fusionierte Konzern wird ein bedeutender Konkurrent für Branchenprimus IBM und Sun Microsystems auf dem Markt für Netzwerk-Rechner und ein großer Wettbewerber für Dell und Gateway auf dem Markt für Personal Computer (PC).

Nach Angaben der Fusionspartner entsteht durch den Zusammenschluss das größte Unternehmen, was den Absatz von Servern, PCs und Taschencomputern angeht. Zugleich werde eine führende Position bei Beratungsdienstleistungen sowie Datenspeicherungs- und Management-Software erreicht.

Rückgang des PC-Absatzes
Nach dem Boom in den späten 90er Jahren wird die Computerbranche derzeit von einem starken Rückgang des PC-Absatzes und deutlich reduzierten Investitionen der Unternehmen in Informationstechnologie belastet.

"Es ist ein logischer Schritt bei der Konsolidierung der PC-Industrie", sagte Bear-Stearns-Analyst Andrew Neff zu dem Fusionsvorhaben. Die einzige Frage sei, ob sich zwei Unternehmen, die unabhängig voneinander mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert worden seien, zu einem schlagkräftigen Wettbewerber entwickeln könnten.

5.9.2001 15:50