Sonntag, 9. September 2001

Prozess geht ohne Angeklagte und Presse weiter

In Afghanistan haben sich Truppen der radikal-islamischen Taliban-Regierung und der Opposition heftige Gefechte im Umland der Hauptstadt Kabul geliefert. Die Kämpfe konzentrierten sich um die wichtigste Zufahrtsstraße nach Kabul. Der Prozess um die inhaftierten "Shelter Now"-Mitarbeiter geht indessen ohne deren Anwesenheit weiter. Ausländische Berichterstatter durften dieses mal nicht dabei sein, sie wurden am Verlassen des Hotels gehindert.

Augenzeugen berichteten, beide Seiten hätten sich an einer der Hauptzugangsstraßen zur Hauptstadt, 25 Kilometer nördlich von Kabul, gegenseitig mit Raketen beschossen. Während einer nächtlichen Offensive sei es den Taliban-Verbänden in der Hochebene von Shomali kurzzeitig gelungen, die Verteidigungslinien des Gegners zu durchbrechen.

Nach Sonnenaufgang hätten sich die Truppen jedoch wieder zurückgezogen. Im afghanischen Bürgerkrieg stehen sich Verbände des Oppositionschefs Ahmad Shah Massoud und der Taliban gegenüber. Die Taliban hatten 1996 Kabul erobert und Massoud gestürzt.

Prozess geht ohne Angeklagte und Journalisten weiter
Der Prozess gegen acht westliche Helfer im afghanischen Kabul ist am Sonntag ohne Angeklagte, Diplomaten und Journalisten fortgesetzt worden. Ein Vertreter der international nicht anerkannten Taliban-Regierung teilte mit, ein Erscheinen der Angeklagten sei nicht an jedem Prozesstag erforderlich. Etwa 30 ausländische Journalisten und Fotografen wurden am Verlassen ihres Hotels gehindert. Ihnen wird nach Behördenangaben vorgeworfen, Aufnahmen von den Mitarbeitern der Hilfsorganisation Shelter Now gemacht zu haben. In einem Interview mir "DW-tv" schätzte der Vorsitzende von Shelter Germany, Udo Stolte, die Chancen der acht auf Freilassung positiv ein.

Die Angeklagten seien vor die Wahl gestellt worden, sich selbst zu verteidigen oder Rechtsanwälte zu engagieren, sagte ein Taliban-Vertreter. Bis dahin würden die Ermittlungsakten geprüft. Zudem wurden die afghanischen Dolmetscher der Journalisten in Untersuchungshaft genommen, weil sie die Ausländer nicht daran gehindert hätten, die Bilder zu machen. Sie waren von der Taliban-Regierung ernannt worden.

Taliban verbieten Foto-Aufnahmen der Angeklagten
Bei der ersten Anhörung der acht Helfer am Samstag waren Journalisten zwar zugelassen, die Taliban verboten aber jegliche Bildberichterstattung. Dennoch filmten und fotografierten einige Journalisten. Die ausländischen Reporter sind alle im Hotel Intercontinental in Kabul untergebracht. Berichten zufolge wurden die Hotelzimmer der Berichterstatter nach Kameras, Filmen und Videobändern durchsucht. Fotografieren ist seit der Taliban-Herrschaft in Afghanistan als unislamisch verboten.

"Ich gehe davon aus, dass sie eine gerechte Chance haben", sagte Stolte am Samstag über den Prozess gegen die acht Ausländer. Die Mitarbeiter müssten als unschuldig beurteilt werden. Zu den Vorwürfen gegen die Helfer sagte er: "Die Tatsache, dass wir Christen sind, ist den dort im Moment Herrschenden vielleicht ein Dorn im Auge." Wegen der Inhaftierung der Helfer können Hilfsprojekte wie im Lager Maslach in West-Afghanistan mit 320.000 Flüchtlingen seinen Worten zufolge nun nicht weitergeführt werden.

Bei dem Prozess gegen die vier Deutschen, zwei US-Bürgerinnen und zwei Australier geht es um den Vorwurf der christlichen Missionierung. Die acht waren Anfang August zusammen mit 16 afghanischen Shelter-Now-Mitarbeitern festgenommen worden.

9.9.2001 11:49