Montag, 3. September 2001

SPEZIAL: AFGHANEN AUF DER FLUCHT

Sechs bis zehn Tage wird es noch dauern, dann haben die Flüchtlinge wieder festen Boden unter den Füßen! Die 438 Bootsflüchtlinge wurden am Montag vom norwegischen Frachter "Tampa" auf das Transportschiff "Manoora" übersiedelt, mit dem sie die lange Reise nach Papua-Neuguinea antreten.

Nach acht Tagen auf dem Deck der "Tampa" haben die vor der australischen Weihnachtsinsel festsitzenden Flüchtlinge das Schiff endlich verlassen. Die mehrheitlich aus Afghanistan stammenden illegalen Einwanderer sollen mit dem australischen Marineschiff "Manoora" noch am Montag die Fahrt nach Papua-Neuguinea starten. Das sagte der australische Premierminister John Howard.

Ein Bundesgericht in Melbourne hatte den Weg für den Transfer der Flüchtlinge frei gemacht. Eine endgültige Gerichtsentscheidung über ihr weiteres Schicksal steht jedoch noch aus. Das Bundesgericht hatte entschieden, die Flüchtlinge könnten entsprechend dem Plan der australischen Regierung umgehend nach Papua-Neuguinea gebracht werden. Dort dürfen sie jedoch erst dann an Land gehen, wenn eine endgültige Gerichtsentscheidung über ihr Schicksal getroffen ist. Bürgerrechtler hatten das Gericht angerufen, um eine Aufnahme der Flüchtlinge in Australien zu erzwingen. Bei einem Urteil zugunsten der Bürgerrechtler sollen die Flüchtlinge zurück nach Australien gebracht werden. Ein abschließender Rechtsspruch könnte sich noch mindestens eine Woche hinziehen.

Ein Regierungsvertreter betonte, auf der "Manoora" hätten die Flüchtlinge wesentlich mehr Platz und bessere Bedingungen als auf dem engen Deck der "Tampa". Ihre Verlegung auf das Marineschiff sei aus humanitären Erwägungen beschlossen worden.

Die norwegische Reederei Wallenius Wilhelmsen, der die "Tampa" gehört, zeigte sich zufrieden. Die Besatzung und die Flüchtlinge seien gleichermaßen erleichtert und glücklich, dass endlich eine Lösung gefunden worden sei, sagte ein Sprecher in Oslo. Die "Tampa" sollte noch am Montagabend den Anker heben und ihre durch das Flüchtlingsdrama unterbrochene Fahrt nach Singapur fortsetzen. Der Kapitän der "Tampa" hatte die Flüchtlinge am Sonntag vor acht Tagen aus Seenot gerettet. Seitdem dümpelte das Schiff vor der Weihnachtsinsel.

Die Regierung in Canberra verweigert eine Aufnahme der Flüchtlinge in Australien. Nach ihrem Plan sollen die Einwanderer von Papua-Neuguinea aus nach Neuseeland und in den Pazifikstaat Nauru gebracht werden. Dort sollen sie den Ausgang ihres Asylverfahrens abwarten. Bei einer Anerkennung ihrer Asylgesuche sollen sie später auf verschiedene Staaten verteilt werden, darunter auch Australien. UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete den Plan der australischen Regierung als "akzeptabel". Seine Hauptsorge sei, dass die Flüchtlinge menschlich behandelt würden und sie bald eine Zuflucht fänden, sagte er im kongolesischen Kinshasa.

Der norwegische Frachter hatte die Flüchtlinge vor einer Woche von einer sinkenden indonesischen Fähre aus Seenot gerettet und an Bord genommen. Der Kapitän war dann ohne Genehmigung in australische Hoheitsgewässer vier Seemeilen vor der Weihnachtsinsel gefahren und hatte sich trotz der Besetzung seines Schiffes durch australische Elitesoldaten geweigert, mit den Flüchtlingen wieder auf das offene Meer hinauszufahren. Australiens Ministerpräsident John Howard erklärte danach, die Aufnahme der Flüchtlinge sei Sache Indonesiens oder Norwegens und lehnte trotz harscher internationaler Kritik auch von Seiten des UNO-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR) eine Aufnahme ab.

3.9.2001 14:31