Donnerstag, 30. August 2001

Koizumi gerät unter Druck

In Japan stehen die Zeichen auf Sturm. Ständig neue Hiobsbotschaften von der Konjunktur- und Börsenfront sowie der ungebremste Abbau von Arbeitsplätzen bringen Regierungschef Junichiro Koizumi zunehmend in Zugzwang, zu neuen Finanzspritzen zu greifen.

So war die Industrieproduktion im Juli unerwartet stark um 2,8 Prozent gesunken, und auch der Groß- und Einzelhandelsumsatz war im nunmehr sechsten Monat in Folge rückläufig, wie die Regierung am Donnerstag mitteilte. Zugleich kündigten mit Kyocera und Oki Elektric zwei weitere Elektronikkonzerne den Abbau von zusammen 12.200 Stellen an.

Der Börsenindex Nikkei fiel um 0,4 Prozent auf ein neues 17-Jahres-Tief von 10.938,45 Punkten. Die Produktion sinkt seit fünf Monaten und fiel im Juli unter den Tiefpunkt am Ende der vorherigen Rezession im April 1999. Mit ernsten Folgen für den Konsum, der zu 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung beiträgt. "Die Wirtschaft verschlechtert sich schneller als erwartet. Das Tempo des Abschwungs ist einfach zu groß", sagte ein Experte der Agentur Bloomberg.

Finanzminister Masajuro Shiokawa führte den Produktionsrückgang teils auf die Abwanderung von Firmen ins billigere Ausland zurück. Japan erlebe eine rapide Aushöhlung der Industrie. Auch Nippons Automobilindustrie produzierte und exportierte im Juli im siebenten Monat in Folge weniger. Die Autobauer verlagerten ihre Produktionsstandorte nach Europa, erklärte der Herstellerverband.

Finanzminister besorgt um exzessiven Stellenabbau
Finanzminister Shiokawa sorgte sich zudem über einen allzu exzessiven Stellenabbau. Allein die Elektronikindustrie hat in den letzten vier Wochen die Streichung von bereits über 50.000 Stellen angekündigt. Die sinkende Produktion setzt die Unternehmen unter Druck, die Zahl der Mitarbeiter zu reduzieren, vor allem in der Fertigungsindustrie. Experten rechnen denn auch in den nächsten Monaten mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote, nachdem sie im Juli den Nachkriegsrekord von 5,0 Prozent erreicht hatte.

Vor diesem Hintergrund kann Regierungschef Koizumi laut Experten trotz der angekündigten Sparmaßnahmen nicht umhin, ein Konjunkturpaket zu schnüren, sobald am 7. September die Daten zur Wirtschaftsleistung für das zweite Quartal bekannt gegeben wurden. Analysten rechnen mit einem Minus von 0,8 Prozent, nach einem geringen Zuwachs um 0,1 Prozent im Vorquartal. Wegen der schrumpfenden Wirtschaft fehlt der Regierung jedoch Geld in der Kasse, um ein neues Konjunkturpaket ohne Schulden zu finanzieren.

Die Steuereinnahmen im laufenden Fiskaljahr könnten geringer ausfallen als die erwarteten 50,73 Bill. Yen (466 Mrd. Euro/6.408 Mrd. S) , sagte Vizefinanzminister Toshiro Muto am Donnerstag. Ein neues Stimulierungspaket wird die Lage am Arbeitsmarkt jedoch nur vorübergehend lindern. Denn durch die angekündigten Strukturreformen der Regierung werden in den nächsten Monaten vorerst weitere Hunderttausende Arbeitsplätze wegfallen. Eine selten erfreuliche Nachricht hatte IBM Japan zu bieten: Das Computerunternehmen will in den nächsten drei Jahren rund 9.000 neue Mitarbeiter einstellen.

30.8.2001 15:04