Sonntag, 2. September 2001

Fatale Fehlurteile durch schlampige Gerichtsmedizinerin

Schlampereien der prominenten US-Gerichtsmedizinerin Joyce Gilchrist könnten in den USA zu zahlreichen Fehlurteilen geführt haben. In Folge ihrer inkorrekten Beweisführung wurden auch Todesurteile vollstreckt.

Joyce Gilchrist, galt als Star der Justizbehörden in Oklahoma City. An 3.000 Ermittlungen war die Gerichtschemikerin Joyce Gilchrist beteiligt. Mittlerweile wurde sie wegen nachweislich falscher DNA-Analysen vom Dienst suspendiert. Für zumindest eines ihrer Opfer kommt aber jede Hilfe zu spät.

Ein mutmaßlicher Mörder wurde wegen eines - inzwischen als falsch erwiesenen - DNA-Gutachtens hingerichtet. Auch andere mutmaßliche Täter hatten gegen die erfahrene Chemikerin kaum eine Chance, denn Gilchrist konnte mit dem Beweismaterial "Wunder vollbringen", wie ihre Kollegen es formulieren. Sie erhielt den Beinamen "Black Magic", schwarze Magie.

Hunderte Fälle müssen neu aufgerollt werden
Hunderte Verdächtige kamen wegen ihrer Gutachten hinter Gitter, für 23 Todesurteile ist die Chemikerin verantwortlich. Elf von ihnen wurden bereits vollstreckt.

Der Gouverneur von Oklahoma, Frank Keating, verlangte höchstpersönlich eine Überprüfung weiterer hunderter Fälle, in denen Gilchrists Aussagen maßgeblichen Einfluss hatten.

FBI auf Gilchrists Spur
Das FBI untersuchte zunächst acht kontroverse Fälle und kam zu dem Schluss, dass Gilchrist schlechte Arbeit geleistet hatte: fehlerhafte Untersuchungen, unvollständige Notizen, Übertreibungen, unbegründete Schlussfolgerungen.

Es gab auch schon in der Vergangenheit warnende Stimmen von Richtern und Gerichtsmedizinern. Die polizeiliche Untersuchung ihres Labors ergab jetzt, dass in vielen Fällen Beweismaterial verschwand oder zerstört wurde.

"Black Magic" zeigt keine Reue
Joyce Gilchrist selbst zeigte bisher keine Einsicht oder Reue. "Sollen sie doch alles überprüfen", sagte sie trotzig in einem TV-Interview. "Ich begrüße das. Wenn ich falsch lag, werde ich dafür die Verantwortung übernehmen. Aber ich habe niemals willentlich Fehler gemacht." Sie habe aus der Technologie, die ihr zur Verfügung gestanden hat, stets das Beste gemacht.

15 Jahre unschuldig im Gefängnis
Ins Rollen kam die Affäre Gilchrist durch den 39-jährigen Jeffrey Todd Pierce, der seit Mai dieses Jahres wieder ein freier Mann ist.

Er wurde unter medialem Getöse aus einem Gefängnis in Oklahoma entlassen, in dem er 15 Jahre lang unschuldig gesessen hatte. Wiederholte Gentests hatten erwiesen, dass er die ihm angelastete Vergewaltigung nicht begangen hat.

"Ich bin nur derjenige, der die Tür öffnet", sagte Pierce unter Tränen bei seiner Entlassung in Lexington. "Ich habe das Gefühl, dass nach mir noch viele frei gelassen werden."

2.9.2001 10:25