Alpbacher Gesundheitsgespräche sind eröffnet

Der Fortschritt in der modernen Biomedizin erfordert nicht nur gesetzliche Regelungen, sondern wirft auch in stärkerem Ausmaß als je zuvor die Frage nach der Menschenwürde auf. Dies wurde am Sonntag zum Auftakt der Alpbacher Gesundheitsgespräche von Experten aus den Bereichen Medizin, Theologie und Justiz verdeutlicht.
Der Hauptgeschäftsführer der deutschen Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages, Christoph Fuchs, warnte vor einem steigendem Druck in Richtung Selektion und Euthanasie. Jedes Konzept von Menschenwürde bleibe leer, so Fuchs, wenn sich daraus nicht konkrete Konsequenzen ableiten ließen. Das Dilemma zeichne sich am deutlichsten bei medizinischen Fragen am Anfang und Ende des Lebens ab.
Der evangelische Theologe und Ethiker Ulrich Körtner (Uni Wien), Mitglied der Bioethik-Kommission von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP), äußerte die Befürchtung, "dass der medizinisch-technologische Fortschritt zum Selbstzweck wird. Gemacht wird, was machbar ist und zudem einen ökonomischen Gewinn verspricht." Die Kritik an biomedizinischen Allmachtsphantasien berechtige jedoch nicht dazu, die Chancen der modernen Biomedizin auszuschlagen, "auch wenn diese vermutlich geringer sind als bisweilen erhofft wird".
Aus juristischer Sicht könnten Lebens- und Menschenrectsschutz nur immer wieder in Abwägung neuer Sachverhalter, bisheriger Lösungen und möglicher Folgen definiert werden, sagte Jochen Taupitz vom Medizinrechtsinstitut der Universität Mannheim, Mitglied im Nationalen Ethikrat Deutschlands. Eine Abstufung des lebens- und Menschenrechtsschutzes zu Beginn und Ende des Lebens sei daher "nicht nur hinnehmbar, sondern sogar geboten". Taupitz verwies darauf, dass der Rechtsbegriff der Menschenwürde in sämtlichen gesetzlichen Regelwerken nicht inhaltlich umschrieben ist. "Eine solche positive Festlegung würde zu einer schleichenden Versteinerung führen, weil im Laufe der Zeit immer mehr in die Menschenwürde hineininterpretiert und damit festgeschrieben würde."
Nach Ansicht des Philosophen Ludwig Siep von der Universität Münster, Mitglied der zentralen Ethik-Kommission der deutschen Ärztekammer, ist der Begriff der Menschenwürde ein "unentbehrlicher Maßstab für die Medizin". In vielen strittigen Fragen reiche dieser Maßstab allerdings heute nicht mehr aus.
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