Samstag, 18. August 2001

Bestechungs-Vorwürfe gegen den Pharma-Konzern

Bayer soll Erkenntnisse über die Gefahren von Lipobay/Baycol fast zwei Monate lang verschwiegen zu haben, sagt die deutsche Regierung. Ein anderer Vorwurf: Ärzte sollen bestochen worden sein, damit sie Lipobay verschreiben. Bayer streitet ab. Das Anwaltsteam Fagan/Witti will auch Deutschen Sammelklagen gegen Bayer ermöglichen. Bayer rechnet damit, dass die bisherige Opferzahl noch steigt.

Derzeit sind 52 Fälle bekannt, in denen der Tod von Patienten mit Lipobay in Verbindung gebracht wird. Bayer rechnet damit, dass diese Zahl noch steigt, weil durch die Berichterstattung eine höhere Sensibilität entstanden ist.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hatte das Leverkusener Unternehmen bereits am 15. Juni neue Erkenntnisse über die Nebenwirkungen von Lipobay. Diese seien dem Bundesinstitut für Arzneimittel erst am 10. August mitgeteilt worden. Nach deutschem Gesetz muss eine Meldung über schwerwiegende Nebenwirkungen innerhalb von 15 Tagen erfolgen. Laut Bayer lagen dem Bundesinstitut "alle wesentlichen Informationen" bereits am 28. April vor.

Bestechung
Bayer trat am Freitag auch dem Vorwurf strikt entgegen, Ärzte "gekauft" zu haben, damit sie Lipobay verschreiben. Es habe lediglich 1999 einen "bedauerlichen Einzelfall" gegeben, wo ein Mitarbeiter von den Firmengrundsätzen abgewichen sei. Der Mitarbeiter sei zur Rechenschaft gezogen worden.

Kläger aus aller Welt
Der US-Anwalt Ed Fagan und sein Münchner Kollege Michael Witti wollen in die Sammelklage in den USA wegen Lipobay Geschädigte aus der ganzen Welt einbeziehen. Witti sagte am Freitag in Berlin in einer Pressekonferenz mit Fagan, auch Deutsche sollten nach US-Recht entschädigt werden. Derzeit ist es aber für Deutsche nicht möglich, sich an der Sammelklage zu beteiligen. Witti will das ändern. Fagan sagte, die Sammelklage in den USA werde alle etwa 700.000 Menschen betreffen, die dort das Lipobay genommen hätten. Auch der Co-Vermarkter von Baycol, die britische GlaxoSmithkline, soll geklagt werden.

Mittlerweile sind schon in sechs US-Bundesstaaten Sammelklagen gegen Bayer eingereicht worden, weitere sind in Vorbereitung. Auch in Avignon in Frankreich ist eine Klage eingebracht worden. Dort wird das Medikament unter dem Namen "Cholstat" vertrieben.

Der Leverkusener Chemiekonzern Bayer hatte Lipobay vor einer Woche vom Markt genommen.

18.8.2001 16:40