Donnerstag, 16. August 2001

Kramer: Österreich de facto Einwanderungsland

Eine Wifo-Studie zu den Auswirkungen der Zuwanderung auf den österreichischen Arbeitsmarkt war eine der Grundlagen für das Zuwandererpaket, das am Montag im Ministerrat vorgelegt wurde. Am Donnerstag wurden nun die Ergebnisse der Untersuchung von Wifo-Chef Helmut Kramer präsentiert.

Einer der Kernpunkte ist, dass in Österreich auch in den kommenden Jahren ein Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland bestehen wird.

Ministern Martin Bartenstein sieht den nun von der Regierung beschrittenen Weg in der Zuwandererfrage bestätigt. Es gebe ein "klares Ja" zur Zuwanderung von Talenten. Die Regierung habe mit ihrer Entscheidung die Tür für qualifizierte Zuwanderer weit geöffnet. Österreich sei in der Frage der Schlüsselkräfte nicht restriktiver geworden, sondern deutlich offener.

Unbeantwortet blieb vorerst die Frage, ob sich Österreich nun als Einwanderungsland sehe. Wifo-Chef Kramer meinte dazu, unabhängig davon, was man sich wünsche, sei Österreich angesichts der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte "de facto ein Einwanderungsland geworden". Innenminister Strasser formulierte davon abweichend, Österreich sei "kein typisches Einwanderungsland" und werde auch kein typisches Einwanderungsland werden. Einen Widerspruch sahen sie beide in diesen Aussagen nicht.

Rund 750.000 Ausländer in Österreich
De facto sind gemäß der Wifo-Studie rund 750.000 Ausländer in Österreich wohnhaft. Davon 640.000 aus Drittstaaten und 110.000 EU-Bürger. Zwei Drittel dieser Drittstaat-Angehörigen sind schon länger als fünf Jahre in Österreich, ein Viertel mehr als zehn Jahre.

Die ausländischen Zuwanderer sind vor allem auf den Osten Österreichs konzentriert. 38 Prozent leben in Wien, jeweils knapp 13 Prozent in Niederösterreich und Oberösterreich. So hat die Bundeshauptstadt mit 17,6 Prozent auch den höchsten Ausländeranteil, am anderen Ende der Skala liegt das Burgenland mit 4,6 Prozent.

Geringer Anteil nachzugswilliger Familienangehöriger
Der Anteil der nachzugswilligen Familienangehörigen wird allerdings vom Wifo als relativ gering beschrieben. Die Zahl der offenen Anträge betrug Ende Juni 11.626, berechtigt wären nach jüngstem Stand aber immerhin 22.000 Personen.

Ein Bedarf besteht nach Ansicht des Wifo ungeachtet der Qualifizierungsbemühungen für den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte. Die bis jetzt nicht genutzten Arbeitskraftreserven seien nämlich im wesentlichen im unteren bis mittleren Qualifikationssegment angesiedelt. Diese Lücke könne nur zum Teil über zusätzliche Bildung und Weiterbildung überwunden werden, heißt es in der Studie.

16.8.2001 14:00