Dienstag, 14. August 2001

Herz- und Skelettmuskeln lösten sich auf!

52 Tote werden mit dem Cholesterin-Senker in Verbindung gebracht. In Österreich nehmen 20.000 Patienten das Medikament. Derzeit wird ein Fall in Oberösterreich untersucht: Ein Mann nahm nach einem Herzinfarkt "Lipobay" - plötzlich schwebte er in Todesgefahr: Seine Muskeln lösten sich auf! Ärzte konnten ihm das Leben retten. Bayer muss mit Dutzenden Gerichtsverfahren rechnen: In Amerika wurde die erste Klage eingereicht.

Unter den Österreichern, die den Cholesterin-Senker nehmen müssen, geht die Angst um. Besteht auch bei ihnen die Gefahr, dass sich die Muskulatur auflöst?

Pharmakologen raten: Alle Betroffenen sollten mit dem verschreibenden Arzt ihre weitere Behandlung absprechen! Die Erst-Zulassung des Medikaments mit einer Dosierung von 0,2 mg erfolgte im April 1999. Seit April 2001 gibt es auch die 0,4 mg-Packung. Die "gefährliche" Dosis von 0,8 mg war in Österreich nicht erhältlich..

Jeder zweite Mann und jede dritte Frau über 40 Jahren haben einen zu hohen Cholesterinspiegel. Oft fällt es Menschen mit erhöhtem Cholesterinwerten jedoch schwer, ihren gewohnten Lebensstil zu ändern. Diät, Alkoholverzicht und keine Zigaretten mehr - das gefällt nicht jedem.

Lipobay wurde bisher in solchen Fällen verschrieben, in denen die Cholesterinwerte durch eine Ernährungsumstellung nicht gesenkt werden konnten. Gilt ein hoher Cholesterinspiegel doch als einer der Hauptrisikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen. Nicht nur fettreiche Ernährung können zum Ansteigen des Cholesterinspiegels führen. Hohe Werte treten auch als Folge bestimmter Erkrankungen auf oder sind genetisch bedingt.

Bayer spricht von Ärzte-Fehlern
+ Ärzte hätten das Präparat fälschlicherweise zusammen mit dem Wirkstoff Gemfibrozil verschrieben. Obwohl Bayer von Anfang an in den Beipackzetteln auf ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen hingewiesen habe.

Später sei sogar eine Kontradindikation hinzugefügt und ein Informationsschreiben an Ärzte versandt worden. Da jedoch nicht auszuschließen gewesen sei, dass manche Ärzte an ihrer gewohnten Verordnungspraxis festhielten, habe sich der Konzern entschlossen, das Präparat vom Markt zu nehmen, um keine Patienten in Gefahr zu bringen.

+ Ein weiterer Grund ist laut Bayer-Sprecher der mitunter bestimmungswidrige Einsatz der Höchstdosis von 0,8 Milligramm als Anfangsdosis zu Beginn der Behandlung gewesen. Dies habe auch bei einer Monotherapie mit Lipobay/Baycol zu Spontanmeldungen von Todesfällen in zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme des Medikaments geführt. Diese Spontanmeldungen hätten jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft.

Trotz Abbau von 4.000 Jobs und Medikamenten-Skandal kein Sanierungsfall
Bayer kündigt nach dem Rückzug seines Cholesterin-Senkers weitere Einschnitte an. Im bisher angekündigten Abbau von 4.000 Stellen bis zum Jahr 2005 sei der Vermarktungsstopp für das umsatzstarke Medikament noch nicht berücksichtigt, sagte Unternehmenschef Manfred Schneider. "Es ist klar, dass auch hier etwas getan werden muss." Das Unternehmen müsse die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vermarktungsstopps aber erst prüfen und könne "noch keine Fakten nennen". Bayer sei aber "kein Sanierungsfall".

Bayer-Dividende schrumpft
Weitere Konsequenz: Die Aktionäre der Bayer AG, Leverkusen, müssen sich für 2001 auf eine niedrigere Dividende einstellen als im vergangenen Jahr. Für das Rekordjahr 2000 hatten die Anteilseigner noch eine Dividende von 1,40 Euro erhalten.

14.8.2001 14:45