Pharmakonzern sucht Gründe für die Todesfälle

Mit dem Cholesterin-Senker "Lipobay" werden mehr Todesfälle in Verbindung gebracht als bisher angenommen. Dem Bayer-Konzern seien weltweit 52 Todesfälle bekannt. Das sagte der Leiter des Bayer-Geschäftsbereichs Pharma, David Ebsworth. Er lieferte zwei mögliche Erklärungen für die Todesfälle.
Fehler Nr. 1: Falsch verschrieben
Ärzte hätten das Präparat fälschlicherweise zusammen mit dem Wirkstoff Gemfibrozil verschrieben. Obwohl Bayer von Anfang an in den Beipackzetteln auf ein erhöhtes Risiko von Nebenwirkungen hingewiesen habe.
Später sei sogar eine Kontradindikation hinzugefügt und ein Informationsschreiben an Ärzte versandt worden. Da jedoch nicht auszuschließen gewesen sei, dass manche Ärzte an ihrer gewohnten Verordnungspraxis festhielten, habe sich der Konzern entschlossen, das Präparat vom Markt zu nehmen, um keine Patienten in Gefahr zu bringen.
Fehler Nr. 2: Ärzte dosierten falsch
Ein weiterer Grund ist Ebsworth zufolge der mitunter bestimmungswidrige Einsatz der Höchstdosis von 0,8 Milligramm als Anfangsdosis zu Beginn der Behandlung gewesen. Dies habe auch bei einer Monotherapie mit Lipobay/Baycol zu Spontanmeldungen von Todesfällen in zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme des Medikaments geführt. Diese Spontanmeldungen hätten jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft.
Nur in Japan kein Vermarktungsstopp
Der Vorwurf, Bayer habe erst auf Druck der US-Gesundheitsbehörde FDA das Medikament vom Markt genommen, sei absolut falsch, betonte Ebsworth. Die FDA habe am 8. August ausdrücklich erklärt, dass Bayer diese Maßnahme freiwillig getroffen habe. Der Vermarktungsstopp gelte weltweit mit Ausnahme von Japan. Hier sei weder der Wirkstoff Gemfibrozil am Markt, noch eine höhere Dosierung von Lipobay/Baycol als 0,3 Milligramm, erläuterte Ebsworth. In der klinischen Entwicklung des Wirkstoffs Cerivastatin, der in Lipobay/Baycol enthalten ist, seien keine Auffälligkeiten von Muskelschwäche aufgetreten, betonte Ebsworth.
Bayer habe alle Meldungen über Nebenwirkungen verfolgt und an die zuständigen Behörden weitergeleitet, sagte Ebsworth. Es sei jedoch überaus schwierig gewesen, zwischen Todesfällen zu unterscheiden, die durch eine bestehende Vor- oder Begleiterkrankung oder aber direkt durch eine Nebenwirkung der eingenommenen Präparate zurückzuführen waren.
Trotz weiterer Einschnitte kein Sanierungsfall
Bayer kündigt nach dem Rückzug seines Cholesterin-Senkers weitere Einschnitte an. Im bisher angekündigte Abbau von 4.000 Stellen bis zum Jahr 2005 sei der Vermarktungsstopp für das umsatzstarke Medikament noch nicht berücksichtigt, sagte Unternehmenschef Manfred Schneider. "Es ist klar, dass auch hier etwas getan werden muss." Das Unternehmen müsse die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vermarktungsstopps aber erst prüfen und könne "noch keine Fakten nennen". Bayer sei aber "kein Sanierungsfall".
Medikamenten-Skandal lässt Bayer-Dividende schrumpfen
Weitere Konsequenz: Die Aktionäre der Bayer AG, Leverkusen, müssen sich für 2001 auf eine niedrigere Dividende einstellen als im vergangenen Jahr. Für das Rekordjahr 2000 hatten die Anteilseigner noch eine Dividende von 1,40 Euro erhalten.
Der Leverkusener Bayer-Konzern stellt nach dem Lipobay/Baycol-Debakel seine gesamte Pharmasparte auf den Prüfstand. Konzern-Chef Manfred Schneider erstmals nicht mehr aus, dass der Chemieriese sein Geschäft mit rezeptpflichtigen Medikamenten in eine Kooperation mit einem Konkurrenten einbringen und dabei auf die unternehmerische Führung verzichten könnte. Zwei renommierte Pharma-Firmen hätten bereits Interesse an einer Zusammenarbeit angemeldet.
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