Samstag, 18. August 2001

Italienische Zeitungen veröffentlichten Abhörprotokolle

Die inhaftierten Aktivisten der VolxTheaterKarawane wurden im Gefängnis abgehört. Aus den Protokollen soll angeblich hervorgehen, dass die Misshandlungen erfunden wurden, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken. Im gestern veröffentlichten Bericht der Atkivisten ist nach wie vor von Drohungen, sexueller Belästigung und Misshandlungen durch die italienische Polizei die Rede.

Italienische Zeitungen haben am Samstag Auszüge aus den Protokollen dieser Abhöraktion veröffentlicht. Die Aufnahmen wurden demnach von den Carabinieri mit geheimen Abhörgeräten in der Strafanstalt der norditalienischen Stadt Alessandria aufgezeichnet, in der die männlichen Aktivisten der Gruppe in Haft waren.

"Ich habe dem Rechtsanwalt gesagt, dass ich geschlagen worden bin, auch wenn es nicht stimmt,", zitiert die römische Tageszeitung "La Repubblica" ein Mitglied der Karawane, "damit die Zeitungen über uns schreiben." "Und was ist mit den Anderen?", fragte ein anderes Mitglied der Gruppe demnach. "Ich weiß nicht, was sie gesagt haben, sie haben den Botschafter getroffen. Sie sollen aber auch nur ein paar Ohrfeigen wie wir bekommen haben", lautete die Antwort.

Ähnliche Zitate wurden auch von der römischen Tageszeitung "Il Messaggero" veröffentlicht: "Hoffentlich kommen Sie nicht darauf. Wir haben keine Klage eingereicht, wir haben davon (von den Misshandlungen, Anm.) nur mit dem Botschafter und dem Rechtsanwalt gesprochen. Es war notwendig, diese Informationen der Presse zukommen zu lassen", sagte laut der Veröffentlichung ein Aktivist der Gruppe. "Haben die Mädchen das selbe gesagt?" fragte einer der Aktivisten. "Sie haben von Ohrfeigen und von Obszönitäten geredet", lautete die Antwort. "Ist das wahr oder sind Sie nur ein wenig geschubst worden wie wir?" lautete die Gegenfrage. "Ich weiß nicht, das wichtigste ist, dass die Medien für Aufruhr sorgen. So können wir von hier raus", antwortete der zweite Globalisierungsgegner laut "Messaggero".

Der Genueser Rechtsanwalt der Gruppe, Andrea Sandra, erklärte laut "Messaggero", dass sein Mandant die Misshandlungen nicht dementiert hätte. Der Rechtsanwalt betonte aber, dass die Mitglieder der österreichischen Theatergruppe keine Klage gegen die Polizei eingereicht hätten. Die Aufzeichnungen hätten den Beschluss des Gerichts nicht beeinflusst, das die Mitglieder der VolxTheaterKarawane am Dienstag freigesprochen hatte.

Die Abhör-Aktionen in der Strafanstalt von Alessandria drohen neuerliche Polemik zu nähren. In den vergangenen Tagen war die italienische Polizei öfters beschuldigt worden, pazifistische Globalisierungsgegner in Polizeistationen brutal geschlagen zu haben. Die Polizei von Genua hatte diesen Vorwurf stets zurückgewiesen.

Gefängnis-Bericht der VolxTheaterKarawane im Internet
Nach der Enthaftung der restlichen Mitglieder der VolxTheaterKarawane am Donnerstag ist am Freitagabend im Internet (http://www.no-racism.net/nobordertour/) ein - anonymer - Bericht der Aktivisten publiziert worden. Unter dem Titel "So absurd, dass es niemand so inszenieren würde" werden vor allem die Umstände und Vorgänge rund um die Verhaftung und die aus Sicht der Betroffenen mangelhafte Betreuung von österreichischer Seite zum Thema gemacht.

Mit Namen präsentieren sich die Aktivisten allerdings nicht, dies solle erst in einer Pressekonferenz am Montag geschehen, so Tanya Bednar, Pressekoordinatorin der Gruppe. Außerdem sei es in der Karawane schon lange üblich, dass der Autor "nicht so wichtig ist".

Die Verhaftung am 23. Juli ist der Auftakt zu Misshandlungen gewesen, heißt es. Die Rede ist von einer "Exekutionssituation": "Wir mussten uns in einer Linie aufstellen und die haben erst mal ein paar Minuten auf Erschießungskommando gemacht und mit den Waffen auf uns gezielt." Am Polizeirevier selbst ist es dann zu Vergewaltigungsdrohungen und sexistischen Anspielungen gekommen. Neben "psychischem Druck" ist es dann vor allem später, nach der Übergabe an die Gefängnispolizei, zu körperlicher Gewalt gekommen.

Ein weiteres Thema ist die Frage der Beweismittel gegen die Gruppe. Eine wirkliche Beweiswürdigung habe nicht stattgefunden, vor der Staatsanwältin habe es einen "Schlagabtausch" über die Einschätzung von Theaterrequisiten gegeben: "So absurd, dass es niemand so inszenieren würde, nicht einmal wir als Theatergruppe."

Schließlich klagen die VolxTheater-Aktivisten über mangelnde Betreuung durch österreichische Stellen. Der österreichische Konsul sei erst am vierten Tag "aufgetaucht", auch dann habe er die Betroffenen aber nicht informiert, was gegen sie vorliege. Zudem habe er die Anwälte der Inhaftierten nicht verständigt. Beim deutschen Konsul hingegen "hat das alles problemlos funktioniert".

Abhängig von den Ratschlägen der Anwälte und der gesetzlichen Lage sollen nun jedenfalls auch rechtliche Schritte gesetzt werden, wird schließlich angekündigt.

18.8.2001 20:06