Freitag, 17. August 2001

Diplomaten bleiben trotz Landesverweises

Die westlichen Bemühungen um die in Afghanistan inhaftierten ausländischen Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Shelter Now International" (SNI) sind vorerst gescheitert. Ein Sprecher des international nicht anerkannten Taliban-Regimes sagte am Freitag im staatlichen Rundfunk: "Unsere Gespräche sind beendet, weitere sind nicht notwendig."

Die aus Pakistan angereisten Diplomaten Australiens, Deutschlands und der USA wollen der Taliban-Aufforderung zum Verlassen des Landes nicht nachkommen, sondern nach eigenen Angaben zunächst weiter in Kabul bleiben. Der australische Diplomat Alistair Adams sagte, die SNI-Mitarbeiter - vier Deutsche, zwei Australier und zwei US-Amerikaner - würden als "Geiseln" festgehalten. Adams warf den Taliban vor, "psychologischen Druck" auf die Gefangenen auszuüben, denen christliche Missionstätigkeit zur Last gelegt wird.

Zugang zu Gefangenen wurde verweigert
Am Montag hatten die Taliban die Einreise der Diplomaten bewilligt, gleichzeitig jedoch erklärt, dass ihnen der Zugang zu den Gefangenen verweigert werde. Einen Freispruch für die acht Ausländer schließen die Taliban-Machthaber aus; 16 afghanischen SNI-Mitarbeitern droht die Todesstrafe. Die internationale Staatengemeinschaft anerkennt die von den Taliban vertriebene rechtmäßige Regierung des Präsidenten Burhanuddin Rabbani, die im Besitz des afghanischen UNO-Sitzes ist.

Diplomaten bleiben trotz Landesverweises
Trotz der Aufforderung der Taliban an die Diplomaten, das Land zu verlassen, will der US-Gesandte David Donahue zumindest bis Ablauf des Visums am kommenden Dienstag im Land bleiben. Danach werde er den Anweisungen seiner Regierung folgen, sagte Donahue, deutete aber an, dass ein Verbleib in Afghanistan ohne Visum ungewöhnlich wäre. Der Chef der Taliban-"Konsularabteilung", Abdurrahman Hotak, hatte am Donnerstag gesagt, der Reisezweck der Diplomaten sei erfüllt, und sie sollten wieder abreisen. Sie könnten den weiteren Verlauf der Ermittlungen auch von Pakistan aus verfolgen.

Todesstrafe für Missionierung
Die Taliban verhängen die Todesstrafe gegen Personen, die vom Islam zu einer anderen Religion konvertieren. Auch Nicht-Moslems, die Moslems zum Übertritt bewegen wollen, droht die Todesstrafe. Der als "Außenminister" der Taliban fungierende Wakil Ahmad Muttawakil hatte erklärt, es werde untersucht, ob es eine "größere Verschwörung" von Ländern und Organisationen gebe, um "gute afghanische Moslems" zum Christentum zu bekehren. Den westlichen Diplomaten wurden CDs, Bibeln und christliches Propagandamaterial in einheimischen Sprachen vorgelegt, das von den SNI-Helfern angeblich zum Missionieren verwendet wurde.

Sanktionen gegen das Taliban-Regime
Der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage erklärte, es sei sehr schwierig zu entscheiden, was gegen ein Regime unternommen werden könne, das sich bereits selbst sanktioniere: "Was kann man tun, was sie sich nicht schon selbst angetan haben?" Die Vereinten Nationen hatten 1999 Sanktionen gegen die Taliban verhängt, weil sie der Forderung der USA nach Auslieferung des saudiarabischen Terror-Drahtziehers Osama Bin Laden nicht nachgekommen waren. Die Sanktionen betreffen Einschränkungen im Flugverkehr sowie das Einfrieren der Taliban-Auslandskonten.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat die Staatengemeinschaft zu einem entschlossenen Vorgehen gegen das "terroristische" Fundamentalisten-Regime der Taliban aufgerufen. In den Taliban-kontrollierten Gebieten würden Minderheiten verfolgt und Frauen entrechtet und gedemütigt.

17.8.2001 16:38