"Gelobtes Land" England am Ende des Tunnels

Die britische Regierung hat vom Betreiber des Eurotunnels stärkere Sicherheitsmaßnahmen gefordert und mit Strafgebühren für jeden Menschen gedroht, der durch den Tunnel illegal nach England gelangt. Für jeden Flüchtling solle Eurotunnel 2000 Pfund (3169 Euro/43.606 S) zahlen, kündigte das britische Innenministerium am Mittwoch an.
Eurotunnel müsse mehr unternehmen, um die Sicherheit auf der französischen Seite zu garantieren, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Bisher sieht das britische Asylgesetz nur Strafen für Fähren vor, auf denen Flüchtlinge nach Großbritannien gelangen. "Es gibt keinen Grund dafür, dass der Eurotunnel eine Ausnahme macht", sagte die Sprecherin weiter. Informationen über die geplanten Strafen seien den Betreibern Mitte Juli zugegangen.
Eurotunnel kündigte eine juristische Überprüfung der Londoner Pläne an. Das Unternehmen erklärte, es habe drei Millionen Pfund in den Ausbau der Sicherheitsmaßnahmen am Terminal in Frankreich investiert. Nach offiziellen Zahlen gelangten im vergangenen Jahr fast 7000 Menschen illegal durch den Eurotunnel von Frankreich nach Großbritannien.
"Gelobtes Land" England am Ende des Tunnels
Am Ende des Tunnels liegt das gelobte Land. Jede Nacht macht sich vom nahen Rot-Kreuz-Lager eine Karawane von Flüchtlingen auf den Weg. Zu Hunderten dringen sie zum Terminal vor und riskieren ihr Leben. Schlepperbanden bringen immer neue Flüchtlinge ins nordfranzösische Calais und gaukeln ihnen vor, dort sei das Tor zur Freiheit. Zwei deutsche Schlepper wurden vor kurzem verhaftet, kleine Fische. Das Millionengeschäft mit dem Menschenschmuggel blüht.
3.000 Dollar für eine illegale Passage durch den Tunnel
Ibrahim kommt aus dem Norden des Irak. "Meine Eltern wurden von Saddam Husseins Leuten umgebracht", sagt er. Das Elternhaus habe er verkauft und den gesamten Erlös von 3.000 Dollar (3.345 Euro/46.031 S) einem Schlepper gegeben. Der junge Mann kramt aus seiner Hosentasche ein Fünf-Franc-Stück hervor: "Das ist alles, was ich noch habe. Ich muss nach England und Geld verdienen. Das Risiko ist mir egal." Vier Flüchtlinge wurden seit Jahresanfang am Terminal durch Stromschläge getötet oder von Zügen überrollt, mehrere hundert wurden verletzt. Derzeit warten im Lager von Sangatte bei Calais rund 1.200 Menschen auf ihre Chance; die meisten kommen aus Afghanistan, dem Irak, dem Iran oder der Türkei.
Tunnel-Terminal als Bollwerk gegen den Flüchtlingsstrom
Seit die Kanal-Fähren immer stärker abgeschirmt wurden, bietet der Tunnel die bessere Möglichkeit. Aber auch der riesige Terminal gleicht mittlerweile einer Festung, mit NATO-Stacheldraht, Kameras, Hundestaffeln, hunderten Wachleuten. Jede Nacht werden zwischen 150 und 400 Flüchtlinge, zumeist junge Männer, festgenommen und nach Sangatte zurückgebracht - um in der nächsten Nacht wiederzukommen. Mit Zangen und Schutzdecken bahnen sie sich ihren Weg durch den Stacheldraht zu den Rampen, wo die Lastwagen verladen werden. "Diese Leute sind zu allem bereit und haben nur eine Sache im Kopf: England", sagt Eurotunnel-Sprecher Francois Borel.
Millionenschaden beim Frachtbetrieb
Die nächtlichen Aktionen sorgen für Millionenschäden beim Frachtbetrieb. Die Eurotunnel-Gesellschaft hat in diesem Jahr bereits umgerechnet rund 63 Millionen Schilling ausgegeben, um die Absperrungen zu verstärken. Vor kurzem wurde noch einmal das Wachpersonal aufgestockt, jetzt sei es etwas ruhiger geworden, sagt Borel. Wenn es aber am Terminal ruhiger wird, wachsen die Spannungen im überfüllten Lager von Sangatte. "Die Politik ist hier gefragt, aber die hält sich völlig raus", sagt Borel bitter. Sangatte solle weg vom Terminal ins Landesinnere verlegt werden, fordert er. "Aber das Gesamtproblem wird Europa ohnehin in den kommenden Jahren noch massiv beschäftigen."
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