Montag, 30. Juli 2001

Armstrong: "Hatte bei dieser Tour die größte Freude"

Der "Hattrick" ist geschafft, Lance Armstrong hat der Tour de France seinen Stempel aufgedrückt wie nur wenige Fahrer vor ihm. Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc nennt den US-Amerikaner bereits in einem Atemzug mit den Allzeit-Größen und Fünffach-Siegern Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain.

Der ehemalige Krebspatient aus Texas hat ein perfektes Umfeld, ist als fast 30-Jähriger im idealen Alter und hat seine mentale Stärke voll auf das wichtigste Rennen konzentriert. "Ich liebe die Tour", sagte Armstrong, der bei seinem heurigen dritten Erfolg eine Stufe über allen Rivalen stand.

Als komplettester Fahrer im Feld gelangen ihm Siege in den Bergen und im Einzelzeitfahren, Jan Ullrich musste sich als Nummer eins der Herausforderer trotz Topform klar distanziert mit dem Ehrenplatz begnügen. Der deutsche Gewinner von 1997 sagte dennoch, dieser zweite Rang, sein insgesamt vierter, hat ihm neue Motivation für die Zukunft gegeben. Es liegt an ihm selbst, die Möglichkeiten voll auszuschöpfen.

Perfekt bis ins kleinste Detail
Dem Perfektionisten Armstrong ist das bereits gelungen. Er lebt für die Tour, tausend Mosaiksteinchen formen das Bild eines perfekten Athleten. Rückhalt durch die Familie, die im Dezember durch Zwillinge (zwei Mädchen) vergrößert wird, perfekte Betreuung bis ins kleinste Detail, starke Teamkollegen und vor allem das innere Feuer scheinen dem Texaner mit neuem Europa-Wohnsitz in Spanien Flügel zu verleihen. "So lange die Leidenschaft da ist, fahre ich die Tour", kündigte er an.

Die starken Männer im Hintergrund
Großen Anteil an seinen Erfolgen haben die Männer im Hintergrund. Da ist sein persönlicher Trainer Chris Carmichael (Lance wird 2002 noch stärker sein"), ein spanischer Sportmediziner, sein Chiropraktiker, auf dessen Rat hin Armstrong täglich eine Stunde lang Dehnungsübungen macht, und natürlich die "belgische Mafia" im Rennstall US Postal Services.

Dort hat der Ex-Weltmeister nach seiner Krebserkrankung 1997 einen Vertrag bekommen und der Sportliche Leiter Johan Bruyneel hat ihn überzeugt, dass er die Tour gewinnen kann. Dessen Assistent ist Dirk Demol, ebenfalls ein früherer Profi, und auch die Pfleger und Mechaniker kommen - wie übrigens auch im Team Telekom - alle aus Belgien. "Das sind Kämpfertypen, die nie aufgeben und ihre Leute besonders gut motivieren können", weiß der Steirer Gerhard Schönbacher, der als "Rote Laterne" der Tour bekannt geworden ist.

Phänomen Armstron: enorme mentale Stärke
Das "Phänomen" Armstrong ist für Außenstehende schwer zu erklären. Im Kopf des Amerikaners ist nach dessen Krankheit etwas passiert, das ihn so außergewöhnlich macht, glaubt Rudy Pevenage vom Team Telekom. Die mentale Stärke des Triple-Siegers ist enorm, kaum einer vermag sich in Training und Rennen so zu quälen wie er.

"Hatte bei heuriger Tour die größte Freude"
Armstrong selbst will von der 88. Auflage der "Tour der Leiden" vor allem eines in Erinnerung behalten. "Das war die Tour, bei der ich die meiste Freude gehabt habe. Und meine Teamkollegen auch", erklärte der 29-jährige, der in der kommenden Woche zu Talkshows in die USA jetten wird. Vier Rennen (San Sebastian, Burgos-Tour, Meisterschaft von Zürich, Holland-Rundfahrt) hat er noch geplant, der Start bei der Vuelta ist noch ungewiss. "Das Wichtigste ist jetzt, dass ich mich erhole und Zeit mit meiner Familie verbringe."

Ärtzte gaben ihm vor fünf Jahren kaum eine Überlebenschance
Seine Krebserkrankung wird Armstrong nie vergessen. Vor fünf Jahren hatten ihm die Ärzte kaum eine Überlebenschance gegeben, nun dominiert er seit 1999 das schwierigste Radrennen der Welt. "Ich habe nie geglaubt, dass ich so weit kommen könnte, die vergangenen Jahre waren voll von Überraschungen", sagte der Familienvater. Er weiß aber, dass alles passieren kann, dass sich sein Gesundheitszustand jederzeit wieder verschlechtern kann. "Ich fühle mich da überhaupt nicht unantastbar", sagte Armstrong und ist dankbar für jeden neuen Tag.

20. Etappe (Corbeil-Essonnes - Paris/160 km):
1. Jan Svorada (CZE/Lampre) 3:57:28 Stunden
2. Erik Zabel (GER)
3. Stuart O'Grady (AUS)
4. Sven Teutenberg (GER)
5. Alessandro Petacchi (ITA)
6. Damien Nazon (FRA)
7. Gennadi Michailow (RUS)
8. Jimmy Casper FRA)
9. Max van Heeswijk (NED)
10. Christophe Capelle (FRA) und das Feld mit
38. Jan Ullrich (GER) und
70. Lance Armstrong (USA), alle gleiche Zeit

Gesamtwertung - Schlussklassement:
1. Lance Armstrong (USA/US Postal Services) 86:17:28 Std.
2. Jan Ullrich (GER/Team Telekom) + 6:44 Min.
3. Joseba Beloki (ESP/Once) 9:05
4. Andrej Kiwilew (KZK) 9:53
5. Igor Gonzalez-Galdeano (ESP) 13:28
6. Francois Simon (FRA) 17:22
7. Oscar Sevilla (ESP) 18:30
8. Santiago Botero (COL) 20:55
9. Marcos Serrano (ESP) 21:45
10. Michael Boogerd (NED) 22:38

Punktewertung:
1. Zabel 252
2. O'Grady 244
3. Nazon 169

Bergwertung:
1. Jalabert 258
2. Ullrich 211
3. Roux 200

Mannschaften:
1. Kelme 259:14:44
2. ONCE +4:59
3. Telekom 41:06
Weiter:
6. US Postal 54:41

30.7.2001 09:22