Donnerstag, 26. Juli 2001

Letzter Feinschliff vor WM in Los Angeles

Stephanie Graf ist am Donnerstag, 17 Tage vor dem 800-m-Finale der VIII. Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Edmonton, nach Übersee aufgebrochen. In der WM-Stadt wird die Olympia- und Hallen-WM-Zweite allerdings erst am 6. August eintreffen, denn davor geht's noch zum letzten Feinschliff ins Trainingslager nach Los Angeles.

Graf trat die Reise mit gehörig "Wut im Bauch" an. Grund dafür war ihre erste Freiluft-Niederlage im Jahr 2001 am vergangenen Sonntag in London, wo sie von der Brasilianerin Fabiane Dos Santos klar geschlagen wurde.

"Weil Olympiasiegerin Maria Mutola nicht am Start war, bin ich präpotent gelaufen. Ich habe mich die ganze Zeit nur auf die letzten 100 Meter konzentriert, auf denen ich einen Gang höher schalten wollte. Deshalb bin ich dann panisch geworden, als Dos Santos angriff und meinen ganzen Plan über den Haufen warf. Dabei hätte ich nach ihrer tollen Zeit in Monaco gerade mit ihr rechnen müssen", analysierte die 28-jährige Kärntnerin, die nun nicht mehr als DIE Topfavoritin zur WM fährt. "Durch diese Niederlage ist der öffentliche Erwartungsdruck auf mich sicher kleiner geworden, weil nun ein großer Dreikampf um Gold erwartet wird."

Aufbau auf WM ausgerichtet
Und Graf selbst, die sich in dieser etwas minimierten Favoritenrolle "wesentlich wohler fühlt", wurde durch den zweiten Platz in London nach drei souveränen Golden-League-Siegen in Rom, Paris und Oslo, wo sie Mutola und Dos Santos sogar trotz Krankheit im Finish hinter sich gelassen hatte, gewissermaßen wachgerüttelt. "Ich habe jetzt viel mehr Biss im Training. Auch hatte ich nach London nicht einmal einen Muskelkater und war überhaupt nicht müde. Das ist ein Zeichen, dass ich in Form komme, denn mein Aufbau ist ja ganz auf die WM ausgerichtet."

Intensive Trainingswoche in L.A.
Die noch verbleibende Zeit bis zum ersten Vorlauf am 9. August gilt es für die Halleneuropameisterin nun optimal zu nützen. So steht ihr in L.A. ab Montag noch einmal eine intensive Trainingswoche bevor, damit sie dann im Endlauf wieder in den Bereich ihres ÖLV-Rekordes vom Olympiafinale in Sydney, wo sie in 1:56,64 Minuten Silber holte, vordringen kann. "Laut meinem Trainer Helmut Stechemesser hätte ich hohe 1:56 schon in der Golden League laufen können, wäre da nicht das Problem mit dem Infekt gewesen."

Steigerung notwendig
Grafs Saisonbestzeit vor der WM lautet deshalb "nur" 1:58,20, der Jahresweltbestwert von Mutola dagegen 1:57,11. Und der persönliche Rekord von Dos Santos, die sich heuer um mehr als vier Sekunden gesteigert hat, steht bei 1:57,16. Ihrer Erzrivalin aus Mosambik traut "Österreichs Sportlerin des Jahres 2000" zwar noch eine Steigerung zu, die Brasilianerin hat hingegen laut der Mathematikstudentin ihren Leistungsplafond für heuer schon erreicht. "Wenn sich eine Läuferin innerhalb einer Saison von 2:01 auf 1:57 verbessert, dann hat sie ihre Karten schon voll aufgedeckt."

Zum WM-Finale auf 1:56-Mitte-Niveau
Graf hat dagegen noch einige Trümpfe in der Hinterhand, besser gesagt in ihren schnellen Beinen. "Denn die 1:58,20 bin ich ja in Oslo gelaufen, als ich noch nicht ganz fit war. Jetzt geht es mir aber gesundheitlich wieder gut. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass mich der Helmut bis zum WM-Finale auf das Niveau von 1:56-Mitte bringt."

26.7.2001 10:20