Sonntag, 22. Juli 2001

"Beiträge verdoppeln oder Pensionen halbieren"

Robert Holzmann, Ökonomieprofessor, Weltbank-Direktor und FPÖ-Ministerkandidat, über die 10.000 Milliarden schwere Pensionsbombe, die Wichtigkeit des Nulldefizits und die Steuerreform.

FORMAT: Halten Sie das Nulldefizit für ein vernünftiges Ziel?
HOLZMANN: Ja, es war gut, ein Signal zu setzen. Die Null ist ein kommunizierbares, überprüfbares Ziel. Ob es dann um einen halben Prozentpunkt im Zieljahr verfehlt wird, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist der Bruch mit der Defizitideologie.

FORMAT: Warum ist es ein vernünftiges Ziel?
HOLZMANN: Erstens wegen der Verpflichtungen, die Österreich im Rahmen der Europäischen Union eingegangen ist. Zweitens sind sich heute fast alle Wirtschaftswissenschaftler einig, daß über den Konjunkturverlauf ein ausgeglichener Staatshaushalt anzustreben ist.

FORMAT: Ideologie pur …
HOLZMANN: Nein. In der Währungsunion fallen Zinsen und Wechselkurse zum Verdauen regionaler Konjunkturschocks weg. Daher muß im Budget entsprechender Handlungsspielraum geschaffen werden. Außerdem stellt sich in einer globalisierten Welt immer mehr die Frage nach der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Und da liegt Österreich mit einer Abgabenquote von 43, 44 Prozent deutlich über EU-Durchschnitt. Weitere Defizite bedeuten höhere Schulden, somit höhere Zinsen und damit letztlich höhere Abgaben. Das Kapital wird aber immer mobiler und weicht zu hohen Abgaben aus.

FORMAT: Wie stark wird die implizite Pensionslast den Staatshaushalt belasten?
HOLZMANN: Jetzt beträgt der Zuschuß der öffentlichen Hand zu den Pensionen – in Summe über alle Systeme – in etwa 4,5 Prozent des BIP, also heuer rund 125 Milliarden Schilling. Ändert sich nichts, würde der jährliche Zuschußbedarf bis 2030 auf rund 14 Prozent des BIP steigen. Umgelegt auf heute hieße das ein Zuschußbedarf von 400 Milliarden Schilling im Jahr.

FORMAT: Wie kann so ein Problem entstehen?
HOLZMANN: Zum einen durch die beinahe globale Überalterung der Gesellschaften, zum anderen, indem das Sozialsystem dem nicht angepaßt worden ist.

FORMAT: Wie kommt es zur Überalterung?
HOLZMANN: Vor allem durch den Anstieg der Lebenserwartung. Weiters sinkt mit steigendem Wohlstand die Geburtenrate. Die Folge: tendenziell schrumpfende Gesellschaften. Aber selbst bei konstanter Reproduktion bewirkte allein der Anstieg der Lebenserwartung einen Überalterungsprozeß.

FORMAT: Und wo hapert es im Sozialsystem?
HOLZMANN: Es ist auf drei starr getrennte Lebensabschnitte aufgebaut: Schule – Beruf – Pension. Das funktioniert, solange sich das Wissen wenig ändert, es nicht dauernd aufgefrischt werden muß; solange die Lebenserwartung nicht steigt. Ein 60jähriger hat derzeit auch schon eine verbleibende Lebenserwartung von über 20 Jahren; bald werden es 25 oder 30 Jahre sein. Daher muß das System der starren Abschnitte aufgebrochen werden: lebenslanges Lernen, Vorziehen von Lebensfreizeit (Sabbaticals, um die Batterien aufzufrischen), variable Grenzen zum Ruhestand (Gleitpensionen, Wechsel von Pension und Aktivzeit). Das jetzige System bestraft genau diese Flexibilität.

FORMAT: Können Sie das Überalterungsproblem für Österreich quantifizieren?
HOLZMANN: Die Alterslastquote, also die Zahl der über 60jährigen in Relation jenen, die zwischen 15 und 59 Jahre alt wird sich in den nächsten 40 Jahren in verdoppeln. Das bedeutet vereinfacht:
müßten entweder die Sozialversicherungsbeiträge beinahe verdoppelt oder die Einkommensersatzrate fast halbiert werden.

FORMAT: Von wieviel auf wieviel?
HOLZMANN: Derzeit beträgt die Pension in etwa 70 Prozent des Letztbezugs, dann wären es nur noch 35 Prozent. Oder: müßte die Lebensarbeitszeit entsprechend erhöht werden. Vom jetzigen tatsächlichen Pensionsantrittsalter von im Schnitt 68 bis 70 – für Männer und Frauen.

Das Interview in voller Länge lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von FORMAT.

22.7.2001 07:24