Montag, 16. Juli 2001

Ohne Abschlusserklärung beendet

Wegen unlösbarer Differenzen um Kaschmir ist der historische Gipfel der verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan ohne eine gemeinsame Abschlusserklärung zu Ende gegangen. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf verließ den Gesprächsort im indischen Agra am Montagabend, nachdem in stundenlangen Sitzungen auf Ministerebene keine Einigung über die umstrittene Kaschmir-Passage erzielt worden war.

Ohne eine Lösung des Kaschmir-Konflikts könne es kein Ende der seit mehr als fünfzig Jahren anhaltenden Feindseligkeiten geben, hatte Musharraf zuvor gesagt. Mit dem indischen Regierungschef Atal Behari Vajpayee vereinbarte er dennoch ein weiteres Treffen in Pakistan. Entlang der Demarkationslinie zwischen dem indischen und dem pakistanischen Teil von Kaschmir gingen die Gefechte unterdessen weiter.

Musharraf schlug einen Drei-Punkte-Plan zur Annäherung der beiden Staaten vor. Mit dem Gipfeltreffen in Agra, dem ersten seit mehr als zwei Jahren, sei bereits der erste Schritt getan. Als zweiten Schritt müssten beide Seiten anerkennen, dass die Lösung des Kaschmir-Konflikts der Schlüssel für alle weiteren Maßnahmen sei. In einer dritten Etappe müssten dann beide Seiten die Lösungsmöglichkeiten für die umstrittene Region erörtern, sagte der pakistanische Staatschef. Für Indien steht die Souveränität über das Gebiet allerdings nicht zur Diskussion. Die Kaschmir-Frage will Indien nur unter Sicherheitsaspekten und als Teil des Dialogs erörtern.

Meinungsverschiedenheiten wegen Kaschmir-Frage
Nach den zweitägigen Gipfelgesprächen verhandelten die Außenminister beider Länder in mehreren Runden über eine gemeinsame Abschlusserklärung. Teilnehmer berichteten von "wichtigen Meinungsverschiedenheiten" über die Kaschmir-Passage. Kaschmir ist seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft zwischen Indien und Pakistan umstritten; die beiden Länder führten bereits zwei Kriege um die Himalajaregion. Indien kontrolliert die südlichen zwei Drittel des Gebiets. Jammu und Kaschmir ist der einzige indische Unionsstaat mit moslemischer Bevölkerungsmehrheit. Seit 1989 führen moslemische Rebellen dort einen blutigen Unabhängigkeitskrieg. Indien wirft Pakistan vor, die Rebellen militärisch zu unterstützen.

Die Gefechte zwischen moslemischen Unabhängigkeitskämpfern und indischen Sicherheitskräften in der umstrittenen Region gingen unterdessen weiter. Bei mehreren Schießereien zwischen Rebellen und der Armee seien seit Sonntagabend 42 Menschen getötet worden, meldete die indische Polizei. Damit wurden allein seit Beginn des Gipfels 80 Menschen bei Gefechten und Anschlägen in der Region getötet.

16.7.2001 21:13