Globaler Konjunktureinbruch wurde unterschätzt

Während die US-Wirtschaft zaghafte Ansätze einer Erholung erkennen lässt, droht die Konjunktur in Europa einzubrechen. Die Folgen sind auch in Österreich zu spüren: Die Konsumenten schränken sich ein, Finanzminister Grasser muss um sein Budget zittern.
Allzugern hätte Valentin Krause, Chef der Wiener Zweiradbörse, das Wetter für den Geschäftsrückgang verantwortlich gemacht. Doch mit verregneten Wochenenden allein kann er den Einbruch bei Motorradverkäufen nicht mehr erklären. „Die Leute denken nur noch ans Sparen“, beklagt Krause die mangelnde Kauflust seiner Klientel. Die Zulassungsstatistik bestätigt die subjektiven Eindrücke des Bikehändlers: Bis Mai wurden um zwanzig Prozent weniger Zweiräder angemeldet als im Vorjahr. Das Geschäft mit Zubehör liegt sogar mit vierzig Prozent im Minus.
Auch bei den Autohändlern machen sich Anzeichen einer frühzeitigen Winterdepression bemerkbar. Heinz Havelka, Gremialvorsteher der heimischen Autohändler: „Ich habe langjährige Kunden, deren Auto bereits 300.000 Kilometer am Tacho hat, und die den Neuwagenkauf immer wieder hinausschieben.“ Er rechnet damit, daß in Österreich heuer um 23.000 Neufahrzeuge weniger verkauft werden – ein Umsatzminus von rund sechs Milliarden Schilling.
Knick unterschätzt
„Wir haben den globalen Konjunktureinbruch unterschätzt“, sagt Bank-Austria-Chefvolkswirtin Marianne Kager. Zu Ausmaß und Dauer der Abschwächung in Europa will sich Kager nicht festlegen. Das Bild von Konsumenten im Kaufrausch gehört vorerst jedenfalls der Vergangenheit an. Zudem sorgen steigende Arbeitslosen- und Inflationszahlen für Verunsicherung.
Faktum ist: Europas Wirtschaft steht an der Kippe. Täglich kommen aus den USA Nachrichten über Massenentlassungen und Ergebniseinbrüche in Milliardenhöhe. So schockte der weltgrößte Telekomausrüster Nortel die Anleger mit der Aussicht auf einen Quartalsverlust von 311 Milliarden Schilling. Und selbst die wenigen guten Nachrichten der vergangenen Woche dürfen über eines nicht hinwegtäuschen: Die Gewinnerwartungen sind mittlerweile so tief gesteckt, daß es keine Sensation ist, wenn sie erfüllt werden. Im Vergleich zum Vorjahr bleibt dennoch immer noch ein dickes Minus.
Horrorzahlen
Zunehmend kommen die Hiobsbotschaften aber auch aus Deutschland. So plant etwa der Siemens- Konzern bereits einen Personalabbau von 7.700 Mitarbeitern. Der Chipriese Infineon vermeldete aufgrund der schwachen Nachfrage bei Handys einen Quartalsverlust von 8,3 Milliarden Schilling.
Erste Auswirkungen sind auch hierzulande schon zu spüren. „Bis Jänner hatten wir in der Industrie recht starke Ergebnisse“, berichtet Bank-Austria-Ökonomin Kager, „danach ist es aber steil bergab gegangen.“ Dabei hatten die heimischen Exporteure sogar noch großes Glück. Kager: „Der schwache Euro hat die heimische Exportwirtschaft vor dem Totalabsturz bewahrt.“ Mit den fetten Zuwächsen der letzten Jahre ist es aber vorbei.
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