Dienstag, 10. Juli 2001

Übernahme Anfang 2002 geplant

Im Rennen um die mehrere Milliarden Euro schwere Aventis-Agrochemiesparte CropScience (Lyon) hat der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer (Leverkusen) nun die Nase vorn: Aventis verhandelt exklusiv mit Bayer über einen Verkauf des Pflanzenschutz- und Samenzuchtkonzerns. Auch der BASF-Konzern zeigt sich an Aventis interessiert.

Einen bindenden Vertrag gebe es noch nicht. Bayer erklärte, bei einem Erfolg des Vorhabens - geplant wäre die Übernahme für Anfang 2002 - käme es zur größten Übernahme in der Firmengeschichte.

Nach Angaben von Schering-Sprecher Friedrich von Heyl wird das Vorhaben bei einem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen "nicht vor Anfang nächsten Jahres effektiv". Über die Bewertung von CropScience bestand demnach noch keine Einigung. Es sei "noch zu früh, über Zahlen zu sprechen". Medienberichten zufolge wird Aventis CropScience mit 6 bis 7, vereinzelt sogar mit 8 Mrd. Euro (110 Mrd. S) bewertet.

Aventis CropScience war Anfang 2000 aus dem gemeinsamen Pflanzenschutzunternehmen von Hoechst und Schering, AgrEvo, sowie der entsprechenden Rhône-Poulenc-Sparte entstanden. Das Unternehmen beschäftigte Ende 2000 rund 15.300 Mitarbeiter in mehr als 120 Ländern. Wichtigste Aktivitäten der Firma mit einem Jahresumsatz von 4 Mrd. Euro sind Pflanzenschutzmittel sowie Bio-Technologie.

Aventis hat 2 Mrd. Euro Schulden
Dazu gehört die Produktion von gentechnisch verändertem Saatgut oder Pflanzenzellen. Das Unternehmen hat allerdings Schulden in Höhe von 2 Mrd. Euro; zudem ist es in den USA millionenschweren Schadensersatzklagen wegen des versehentlichen Einsatzes von gentechnisch verändertem CropScience-Mais in Lebensmitteln ausgesetzt.

Auch BASF ist an Aventis interessiert
Für einen Kauf von Aventis CropScience mit Sitz in Lyon hatten sich auch der Ludwigshafener BASF-Konzern und die US-Gruppe Dow Chemical interessiert. BASF betonte heute, nach wie vor interessiert zu sein. Es habe sich daran nichts geändert. BASF sehe sich im Pflanzenschutzgeschäft nach wie vor gut aufgestellt. Durch den Kauf der Pflanzenschutzsparte von American Home Products Mitte 2000 konnte der Ludwigshafener Konzern seine Marktposition gestärkt.

Mit Pflanzenschutz rangierte BASF nach Erhebungen von Phillips McDougall bisher nach Syngenta (Umsatz: 5,9 Mrd. Dollar) Monsanto (3,6 Mrd. Dollar) und eben Aventis (3,5 Dollar) auf Rang vier mit 3,4 Mrd. Dollar. Der nun aussichtsreichste Käufer Bayer würde mit dem Deal von Platz 5 auf Rang 2 vorrücken.

Der aus einer Fusion der Frankfurter Hoechst AG und der französischen Rhone-Poulenc entstandene Aventis-Konzern besitzt 76 Prozent der Aktien an dem zum Verkauf stehenden Unternehmen, der Berliner Schering-Konzern die restlichen 24 Prozent. Aventis betonte, eine rechtlich bindende Vereinbarung über den Verkauf gebe es bisher nicht. Bayer wäre aber "mit Blick auf finanzielle als auch soziale Aspekte" geeigneter Partner für weitere Verhandlungen.

Zukunftspläne
Aventis will sich mit dem Abstoßen von CropScience noch stärker auf seinen Pharmabereich konzentrieren. Schering betonte, für den Berliner Konzern sei der 24-prozentige Anteil ohnehin nur ein Finanzinvestment. Bayer-Chef Manfred Schneider erklärte dagegen, beim Pflanzenschutz würde durch eine Zusammenführung der Aktivitäten "einer der weltweit führenden Anbieter der Branche entstehen - mit Sitz in Europa und globaler Ausrichtung". Bayers Pflanzenschutzsparte erwirtschaftete im vergangenen Jahr mit 7.800 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,5 Mrd. Euro.

Übernahme wird positiv bewertet
Insgesamt bewerteten Branchenkenner eine Übernahme von Aventis CropScience durch Bayer als positiv, wenngleich ein Preis von eventuell 8 Mrd. Euro als sehr hoch eingestuft wurde. "Bayer sollte diesen Schritt aus strategischer Sicht machen, aber die Vorteile werden sich nicht kurzfristig, sondern erst langfristig zeigen", sagte Andreas Heine von der Hypovereinsbank.

Der Bayer-Konzern beschäftigt derzeit 122.000 Menschen und wies für 2000 einen Umsatz von 31 Milliarden Euro aus.

10.7.2001 15:22