"E.ON importiert weiter Atomstrom aus Tschechien"

Die Umweltorganisation Greenpeace kritisierte heute den von der deutschen E.ON, dem neuen Wasserkraft-Partner des Verbund-Konzerns, verfolgten Atomkurs und widersprach der Sicht der Bundesregierung, E.ON habe sich schon nachhaltig am Atomausstieg beteiligt und importiere keinen Atomstrom aus Tschechien.
Laut Greenpeace Deutschland setze E.ON weiter auf den Ausbau der Atomenergie und übe im Rahmen der "Atomlobby" Atomforum Druck auf die deutsche Regierung aus, den Atomausstieg zurückzunehmen. Zudem baue E.ON Zwischenlager für seine Atomkraftwerke, die Atommüll eines Kraftwerkbetriebs von 40 bis 50 Jahren aufnehmen können und nicht nur für die nächsten 20 Jahre, wie im Ausstiegsvertrag versprochen. E.ON sei auch nach wie vor einer der Hauptbieter für den tschechischen Atomstromkonzern CEZ, der Temelin und Dukovany betreibt.
Dazu importiere E.ON weiterhin Atomstrom aus Tschechien, jetzt über den europäischen Zwischenhändler Enron. "Mit einer europaweiten Atomstromkennzeichnung könnte dies aufgedeckt und verhindert werden", fordert Greenpeace von den Regierungen Österreichs und Deutschlands.
Schüssel verteidigt Deal mit E.ON
Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sieht in der Wasserkraft-Ehe zwischen der deutschen E.ON Energie und dem Verbund "keinen Ausverkauf, sondern eine Stärkung der Position der Verbundgesellschaft".
An die Adresse der Atomstrom-Besorgten erinnerte der Bundeskanzler in einem gemeinsamen Pressegespräch mit den Stromkonzernvorständen daran, dass E.ON seine Temelin-Strombezugsrechte stillgelegt habe. Österreich komme nicht unter die Fittiche eines Atomstromkonzerns. Das Eigentum an den Quellrechten wie an Wasser und Flüssen bleibe voll unangetastet.
Verbund und E.ON sind Europas Nr. 2
Mit der Zusammenlegung ihrer Wasserkraftaktivitäten bilden die österreichische Verbund und E.ON-Energie den zweitgrößten kontinentaleuropäischen Wasserkrafterzeuger. Beide Unternehmen erwarten sich aus der European Hydro Power (EHP) laut E.ON-Energie-Vorstandschef Hans-Dieter Harig jährliche Kostensynergien von 344 Mill. S (25 Mill. Euro).
Beide Konzernvorstände sprachen am Montag von "strategischen Vorteilen zur Stärkung der Wettbewerbsposition in Europa". E.ON und Verbund planen auch eine "weiterführende Zusammenarbeit". Der Verbund erwartet sich durch die mit 1. Jänner 2002 startende Wasserkraft-Kooperaton für das kommende Jahr ein Umsatzplus von 15 Prozent und einen Anstieg des Betriebsergebnisses um 25 Prozent gegenüber 2001, wie Verbund-Vorstandsprecher Hans Haider sagte.
Über den Produktionsbereich hinaus streben Verbund und E.ON Energie eine längerfristige Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Stromhandels an: In einem ersten Schritt wird die gemeinsame Beteiligung an einem europäischen Trading-Haus in Berlin ins Auge gefasst.
Die unternehmerische Führung des gemeinsamen Unternehmen, "European Hydro Power GmbH. (EHP)" obliegt dem Verbund. Sitz der Gesellschaft wird Salzburg sein.
Verbund hält 60% an EHP
Sowohl E.ON Energie als auch der Verbund werden ihre Wasserkraftaktivitäen, die in der E.ON Wasserkraft GmbH beziehungsweise in der Verbund-Austrian Hydro Power AG gebündelt sind, in die neue Gesellschaft einbringen. Entsprechend vorläufiger Bewertungen werde der Verbund rund 60 Prozent und E.ON-Energie etwa 40 Prozent an der European Hydro Power halten.
Die rechtliche Konstruktion ermögliche den Verbleib des Anlageeigentums jeweils bei der Austrian Hydro Power AG in Österreich bzw. bei der E.ON Wasserkraft GmbH in Deutschland.
Haider: "Falsche Richtung"
FPÖ-Landeshauptmann Jörg Haider kritisierte bereits vor der Bekanntgabe die Wasserkraft-Ehe: "Der Verbund geht in die falsche Richtung". Dieser Deal mache Österreich mit einem Schlag zum Zentrum der Atromstromproduzenten. "Die Atomlobby kauft sich mit dem Verbund einen Wasserkraftproduzenten, um sich damit zu schmücken", so Haider.
Grüne: "Zusammenschluss ist verfassungswidrig!"
Die Grünen laufen gegen die Wasserkraft-Fusion von Verbund und E.ON Sturm. Sie befürchten nicht nur "die schrittweise Übernahme der österreichischen Wasserreserven" und "in letzter Konsequenz den Verkauf von Trinkwasserreserven".
Österreichs Wasserreserven dienten nun auch dazu, "das Image des zweitgrößten europäischen Atomstromproduzenten zu säubern", so Eva Glawischnig, Energiesprecherin der Grünen. Die Grünen prüften nun das Einbringen einer Verfassungsklage gegen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein wegen Verstoßes gegen das Atomsperrgesetz.
Umweltverbände wollen RH-Prüfung
Aufregung herrscht bei Umweltverbänden über die Bündelung der Wasserkraftaktivitäten von Verbundgesellschaft und E.ON. Mit dem Deal wird nach Meinung von Gerhard Heilingbrunner, Präsident des Umweltdachverbandes, "die Strom-Produktion aus einem Volksvermögen von mehreren hundert Milliarden Schilling in die wirtschaftliche Verfügbarkeit eines ausländischen Konzernes gelegt." Der Umweltdachverband forderte daher eine umgehende Prüfung durch den Rechnungshof (RH), ob damit nicht "der Republik ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden entsteht". Mehr als 100 Mrd. S (7,3 Mrd. Euro) habe Österreich in den letzten 20 Jahren für eine sichere Versorgung mit klimafreundlichem Strom aus Wasserkraft bezahlt. "Mit dem E.ON-Verbund-Megadeal gelangt dieser unbezahlbare Strom aus Wasserkraft in die Hände des größten Atom-Konzernes Europas", kritisiert Heilingbrunner. Müssten heute die neun Donau-Kraftwerke des Verbundes neu errichtet werden, würde allein das mehr als 170 Mrd. S kosten", rechnet er vor. Zähle man die 41 Kraftwerke an Drau, Salzach, Enns, Mur und Inn hinzu sowie die 15 Speicherkraftwerke der Alpen wie etwa Kaprun und Zillertal, so ergebe das ein Volksvermögen von mehreren hundert Milliarden Schilling.
Laut Experten: Verbund jetzt attraktiv für Partner
Neben den Wasserkraftaktivitäten, die die Verbundgesellschaft mit jenen der deutschen E.ON in der EHP zusammen legen will, ist der heimische Verbundkonzern laut einer aktuellen Analyse von Merrill Lynch für internationalen Partnern noch aus vielen anderen Gründen attraktiv.
Mit den Stromnetzverbindungen zu Deutschland, der Schweiz, Italien, Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik sei es möglich, über den Verbund andere Märkte in Südosteuropa zur erreichen. Am wertvollsten sei aber die Wasserkraft, die laut Merrill Lynch 74 Prozent des Unternehmenswertes der Verbundgesellschaft ausmacht.
Verbund-Aktie im Steilflug
Für das laufende Geschäftsjahr 2001 prognostiziert Merrill Lynch-Analyst Lynn Reinhardt einen Gewinn je Verbund-Aktie von 2,76 Euro nach 2,71 Euro im Jahr 2000. Für die Folgejahre 2002 und 2003 werden 3,08 und 3,53 Euro erwartet. Für die kommenden 5 Jahre wird von einem durchschnittlichem jährlichen Gewinnwachstum des Verbund von 9,9 Prozent ausgegangen.
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