Freitag, 13. Juli 2001

Nordirland 110 verletzte Polizisten bei Krawallen

Pro-irische Demonstranten haben sich die zweite Nacht in Folge in Belfast schwere Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Nordirlands Polizeichef Ronnie Flanagan erklärte, 113 Beamte seien verletzt worden. "Die Unruhen waren koordiniert und geplant", sagte er.

Zuvor hatten Tausende von pro-britischen Oraniern mit Märschen an den Sieg der Protestanten über die Katholiken im Jahr 1690 erinnert. Die katholische pro-irische Minderheit in der britischen Provinz betrachtet die Märsche als Provokation. Am Freitag sollten die Friedensgespräche für Nordirland fortgesetzt werden.

Brandsätze, Säurebomben und Ziegelsteine
Die Demonstranten warfen mit Brandsätzen, Säurebomben, Ziegelsteinen und Brettern. Die Polizei setzte ihrerseits Wasserwerfer, Gummigeschosse und Schlagstöcke ein. Flanagan zufolge mussten 19 Beamte im Krankenhaus behandelt worden, viele von ihnen mit Knochenbrüchen. Auch unter den Demonstranten gab es mehrere Verletzte. Bei den Ausschreitungen am Vortag hatte die Polizei zum ersten Mal seit etwa 25 Jahren wieder Wasserwerfer eingesetzt. "Es war absolut notwendig", sagte Flanagan.

Flanagan wies Vorwürfe zurück, seine Beamten hätten auf die Gewalt der überwiegend jugendlichen katholischen Demonstranten zu scharf reagiert. "Das ist Unsinn", sagte er. "Meine Beamten sind für die politischen Probleme in diesem Teil der Welt nicht verantwortlich."

Die heftigsten Ausschreitungen brachen aus, als die Polizei gegen katholische Demonstranten vorging, die gegen die Marschroute von etwa 100 Oraniern durch den überwiegend von Katholiken bewohnten Stadtteil Ardoyne im Norden Belfasts protestierten. Auch im Osten Belfasts kam es zu Zusammenstößen. Dort gerieten rivalisierende Jugendgruppen aneinander. Weniger heftige Auseinandersetzung wurden aus Nordirlands zweitgrößter Stadt Londonderry, aus Lurgan im Südwesten Belfasts und aus Ballycastle im Norden gemeldet.

Pro-irische Minderheit will Unabhängigkeit
Die pro-irische Minderheit in Nordirland kämpft seit drei Jahrzehnten für die Unabhängigkeit von Großbritannien, die pro-britischen Protestanten indes für den Verbleib beim Vereinigten Königreich. Auch in der Vergangenheit war es bei den Märschen zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Protestanten erinnern mit ihren Märschen an die Schlacht an der Boyne am 12. Juli 1690. Damals besiegte der protestantische König Wilhelm III. von Oranien den katholischen König Jakob II.

Im Karfreitagsabkommen von 1998 hatten sich die Konfliktparteien auf ein Ende des Konflikts und den Aufbau einer Regionalregierung geeinigt. Der Streit um die Entwaffnung der vor allem der pro-irischen Untergrundorganisation IRA blockiert den Friedensprozess seit Monaten. Bei den Gesprächen zwischen führenden pro-britischen und pro-irischen Politikern sowie dem britischen Ministerpräsidenten Tony Blair und seinem irischen Kollegen Bertie Ahorn Anfang der Woche war keine Einigung erzielt worden. Die Gespräche sollen am Freitag im britischen West Park fortgesetzt werden. In den vergangenen drei Jahrzehnten sind im Nordirlandkonflikt rund 3000 Menschen ums Leben gekommen.

13.7.2001 13:33