Montag, 9. Juli 2001

Waffenstillstand neuerlich gebrochen

Führer der albanischen Parteien in Mazedonien haben einen von EU und NATO vorgelegten Friedensplan abgelehnt. Zwischen diesem Plan und früheren Entwürfen gebe es keine "wesentlichen Unterschiede", sagte Imer Imeri, Chef der an der Regierung in Skopje beteiligten albanischen Partei der Demokratischen Prosperität.

Die albanischen Parteien in Mazedonien haben einen von EU und NATO vorgelegten Friedensplan abgelehnt, während der seit Freitag geltende Waffenstillstand nach mazedonischen Angaben von den UCK-Rebellen ernsthaft gebrochen worden ist. Wegen der verschlechterten Sicherheitslage ist Staatspräsident Boris Trajkovski am Montag in Skopje mit den internationalen Vermittlern zu Krisenberatungen zusammengetroffen.

Die Sonderbeauftragten von EU und USA, Francois Leotard und James Pardew, sollen nach inoffiziellen Angaben auch Gespräche mit den UCK-Führern geführt haben. Die albanische "Nationale Befreiungsarmee" verlangt, dass ihre politischen Vertreter an den Parteienverhandlungen über eine neue Verfassung beteiligt werden, mit der die Albaner als zweites Staatsvolk neben der slawischen Mehrheit Mazedoniens anerkannt werden sollen.

Albaner-Parteien kritisieren Vermittlungsvorschlag
Die Chefs der beiden großen albanischen Parteien, die an der Regierung Mazedoniens beteiligt sind, haben den von der Europäischen Union und den USA vorgelegten Vermittlungsvorschlag kritisiert. "Dieses Angebot kann den Krieg nicht stoppen", sagte der Chef der Demokratischen Partei der Albaner, Arben Xhaferi. Auch der Chef der Partei der Demokratischen Prosperität, Imer Imeri, lehnte den Plan als unzureichend ab. Xhaferi forderte insbesondere ein albanisches Vetorecht in allen Fragen, die die Interessen der Volksgruppe berühren.

UCK weitet Operationsgebiet aus
Die UCK hat ihr Operationsgebiet am Wochenende ausgeweitet. Nahe Tetovo, der mehrheitlich albanischen zweitgrößten Stadt des Landes, 35 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Skopje, errichteten die Rebellen neue Straßenbarrikaden. Sie hielten mehrere Dörfer besetzt und hätten die slawisch-mazedonischen Bewohner von dort vertrieben, verlautete aus Sicherheitskreisen. Die Rebellen halten nach eigenen Angaben zwei mazedonische Armeereservisten gefangen. Die beiden Männer seien am Samstag in der Ortschaft Slupcane nahe Kumanovo festgenommen worden. Das Innenministerium in Skopje teilte am Montag mit, dass die Rebellen am Wochenende landesweit fünf Zivilisten als Geiseln genommen hätten.

"Haltung der EU zu wenig eindeutig"
Scharfe Kritik hat der Mazedonien-Berichterstatter des Europäischen Parlaments, Hannes Swoboda, an der nach seinen Worten "weichen und zweideutigen Haltung der Europäischen Union" geübt. Diese räche sich nun, "wenn sich die Terroristen der UCK - und die unter ihrem Druck stehenden politischen Führer - in ihrer Haltung bestätigt sehen", kommentierte der SPÖ-Europaparlamentarier die Ablehnung des Friedensplans durch die Albanerparteien. "Es dürfe keinerlei Gleichstellung einer demokratisch gewählten Regierung mit den Terroristen der UCK geben", forderte Swoboda, der in diesem Zusammenhang besonders Leotard attackierte.

Expertin: "Mazedonischer Staat hat kaum Chancen"
Kaum Chancen gibt die namhafte russische Balkan-Expertin Jelena Guskowa dem Fortbestand des mazedonischen Staates in seiner bisherigen Form. Wie die Historikerin und Leiterin des Balkan-Forschungszentrums am Institut für Slawistik der Russischen Akademie der Wissenschaften erklärte, laufe die derzeitige Entwicklung auf eine Desintegration Mazedoniens und den "Verlust eines beträchtlichen Teils seines Territoriums" hinaus. Im Mittelpunkt stehe "das Bestreben der USA und der NATO, ihre Positionen in diesem strategisch bedeutsamen Raum zu festigen". Davon hingen die Einstellung der NATO zum "albanischen Extremismus" und die eventuelle Bildung "eines neuen, 'ethnisch reinen' albanischen Staates auf dem Territorium des Kosovo und des abzutrennenden Teils von Mazedonien" ab.

9.7.2001 14:49