Ihr Bild- ein schemenhaftes Klischee

Sie war so altmodisch, daß es schon wieder mutig war. „Anpassen ist für mich kein schlechtes Wort“, hat sie einmal gesagt. Und so hat sie sich angepaßt – an ihren Mann, ebensosehr aber an eine Rolle, bis ihr öffentliches Bild kein Bild mehr war, sondern nur mehr ein schemenhaftes Klischee.
Schließlich reichte es, wenn irgend jemand an einem deutschen Wirthaustisch das Wort Hannelore in die Runde warf, und schon kuderten alle laut auf. Als „Hannelore von der Pfalz“ wurde sie veräppelt, und selbst in den freundlicheren Porträts, die über sie erschienen, kamen die Wörter „farblos“, „starr“ oder „puppengleich“ mit einiger Sicherheit vor. Am Anfang hat sie sich darüber geärgert, später weniger. „Ich weiß ja nun, daß, wer nicht schlecht über mich schreibt, sich fast schon entschuldigen muß.“ Daß sie sich ein Standardlächeln und Standardantworten zugelegt hatte, gehörte ja zum Job.
Als Mensch war sie praktisch nie vorhanden. „Hannelore Kohl ist die Gattin des Bundeskanzlers. Nicht mehr und nicht weniger“, hatte es unübertroffen in einem Artikel über sie geheißen. Man muß sich das auf der Zunge zergehen lassen. Nicht mehr…! Und weil sie im Leben so seltsam entrückt war, hat ihr Tod etwas besonders Überraschendes, fast Verstörendes. Als in Berlin vergangenen Donnerstag erst das Gerücht, dann die Nachricht die Runde machte, im Hause der Kohls in Oggersheim sei etwas Außergewöhnliches geschehen, die Straße von der Polizei weiträumig abgesperrt, die Gattin des Altkanzlers „tot aufgefunden“ worden – eine Formulierung, die eine natürliche Todesursache in der Regel ausschließt –, da wollte es kaum jemand glauben. Diese Frau, die Pflichtbewußtsein unter Zurückstellung aller eigenen Wünsche geradezu verkörperte, sie soll Selbstmord begangen haben?
Abschiedsbriefe an die Familie
Dann die Gewißheit: Sie hatte noch Abschiedsbriefe an ihren Mann, ihre Söhne, ihre Freunde geschrieben, dann eine Überdosis Tabletten geschluckt; war erst am nächsten Vormittag von der Haushälterin gefunden worden; weil sie ihre Krankheit, eine seltene, kaum erforschte Lichtallergie nicht mehr ertragen konnte. Nur mehr nachts konnte sie ins Freie, tagsüber waren die Rolläden am Kohl- Bungalow stets heruntergelassen, damit kein Sonnenstrahl ins Haus dringen konnte. Die Frau, die stets im Schatten ihres Mannes stand, mußte am Ende in vollkommenem Dunkel leben. Noch die finale Tragödie ist für viele in erster Linie die Tragödie ihres Mannes.
Helmut Kohl – der Kanzler der Einheit, der so tief gefallen war, der, im Parteispendenskandal versunken, sein Werk zerstörte, von der eigenen Partei mit Schimpf und Schande belegt – verliert jetzt auf solche Art auch noch seine Frau, die seit mehr als vierzig Jahren an seiner Seite stand. „Grausam“ sei dies für ihn, so ein alter Weggefährte. Was er durchmachen muß, sei mehr, als ein Mensch ertragen kann. Schon wahr – aber was muß Hannelore Kohl durchgemacht haben?
Die Kohls – sie ragten irgendwie aus einer anderen Zeit in die neunziger Jahre. Sie, ein Flüchtlingskind, hat nach 1945 in bitterer Armut gelebt – die Schuhe waren aus alten Reifen gef lickt, die Kleider aus gebrauchtem Fahnenstoff. Einmal, da lebte sie bereits im Kanzlerbungalow, sagte sie: „Daß aus dem Hahn im Bad warmes Wasser kommt, daß dort ein Stück Seife liegt, macht mich oft einfach glücklich.“ In einer rasant sich modernisierenden Welt waren beide ein Stück konservierte fünfziger Jahre. Geheiratet haben sie erst, als das Haus fertiggebaut war. Ihren Job als Fremdsprachenkorrespondentin bei der BASF hat sie sofort aufgegeben, als sie Helmut Kohl heiratete. „Ich komme aus einer Generation, in der sich die Frage der Berufstätigkeit für eine verheiratete Frau einfach nicht so stellte.“
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