Stimmung im Juni auf tiefstem Stand seit März 2000

In Japan hat eine drastische Verschlechterung des Wirtschaftsklimas die Sorge über einen Rückfall in die Rezession verschärft. Wie die Zentralbank (Bank of Japan) in ihrem am Montag veröffentlichten Quartalsbericht feststellt, sackte das Stimmungsbarometer der großen Industrieunternehmen auf den tiefsten Stand seit mehr als einem Jahr. Die Regierung erwägt jetzt sogar Finanzspritzen für Banken.
Deutlich erlahmte Exporte als Folge der Konjunkturabkühlung in den USA und steigende Lagerbestände zwingen Japans Manager, Produktion und Investitionen zu drosseln.
Obgleich der "Tankan-Bericht" im Rahmen der Erwartungen von Experten lag, reagierte Tokios Aktienbörse mit deutlichen Verlusten: Der Nikkei-Index für 225 führende Werte fiel um 217,87 Punkte oder 1,7 Prozent auf 12.751,18 Punkte. Der Stimmungsindex für die großen Industrieunternehmen war im Juni drastisch auf minus 16 nach minus fünf im März abgesackt und damit im zweiten Quartal in Folge. Ein negativer Index bedeutet, dass es mehr Pessimisten als Optimisten gibt. So schlecht war die Stimmung seit Dezember 1999 nicht mehr.
Starker Rückgang der Exporte
Der Exportmotor, der der zweitgrößten Wirtschaftsnation vor zwei Jahren noch aus der damaligen Rezession verholfen hatte, verlor stark an Kraft. "Der Rückgang beim Exportwachstum ist ernst und zieht Japan tiefer in die Rezession", sagte Yukari Sato, Ökonom bei Nikko Salomon Brothers Smith Barney der Agentur Bloomberg. Die Industrieproduktion war im Mai unerwartet deutlich gesunken. Zugleich stiegen die Lagerbestände auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren.
Sorgenkind Elektrobranche
Am schlimmsten hat sich die Stimmung in der Elektrobranche verschlechtert, da sie unter der weltweit gesunkenen Nachfrage nach Produkten der Informationstechnologie leidet. Auch die von der langen Wirtschaftskrise mit am schwersten getroffenen Klein- und Mittelbetriebe, die das Gros der Arbeitnehmer beschäftigen, sind deutlich pessimistischer als noch vor drei Monaten. Eine sich hinziehende Rezession könnte zu mehr Pleiten führen und die mit 4,9 Prozent bereits rekordhohe Arbeitslosenquote weiter anziehen lassen.
Druck auf Zentralbank wächst
Die Zentralbank könnte damit erneut unter Druck geraten, die Geldpolitik noch weiter zu lockern. Sie war im März de facto zur Nullzinspolitik zurückgekehrt und lehnt seither jede weitere Lockerung hartnäckig ab. Hoffnungsvoll stimmt allenfalls, dass wenigstens die großen Unternehmen keine weitere Verschlechterung der Stimmung erwarten. Die großen Industriebetriebe wollen laut "Tankan" im laufenden Geschäftsjahr (bis 31. März 2002) immerhin noch 7,7 Prozent mehr investieren, nach einem Plus von 8,3 Prozent im Vorjahr.
Die Firmen hegen die Hoffnung, dass sich die Wirtschaft in den USA im späteren Jahresverlauf erholt. Doch könnten sie Analysten zufolge arg enttäuscht werden. Zwar erwarten Japans große Industriebetriebe im laufenden Geschäftsjahr einen Rückgang ihrer Vorsteuergewinne um 0,3 Prozent, nachdem sie im Vorjahr noch um 32,3 Prozent gestiegen waren. Nach einem schwachen ersten Halbjahr rechnen die Firmen im zweiten Halbjahr jedoch wieder mit kräftigen Ertragszuwächsen.
"Tankan-Report" soll sich im September bessern
Ihr Stimmungsindex soll sich denn auch mit dem September-"Tankan" auf minus 14 verbessern, auch wenn die Pessimisten damit weiterhin überwiegen. Doch Experten in Tokio warnen vor übertriebenem Optimismus. Jeder, der denke, die Lage der Wirtschaft Japans werde sich am Ende des Jahres umkehren, halte seinen "Kopf im Sand", sagte Kazuhiko Ogata, Ökonom bei HSBC Securities Japan, zu Bloomberg.
Finanzspritzen für die Banken
Die japanische Regierung will nach den Worten ihres Finanzministers Masajuro Shiokawa ein weiteres Schrumpfen der Wirtschaft vermeiden und schließt öffentliche Finanzspritzen für das Bankenwesen nicht aus. "Es ist ein Ziel von Koizumis Politik, dass die japanische Wirtschaft kein negatives Wachstum verbucht", sagte Shiokawa am Montag in Osaka über die Reformpolitik von Ministerpräsident Junichiro Koizumi.
"Die Regierung wird alle möglichen Schritte unternehmen, um das zu verhindern", fügte der Finanzminister hinzu. Fall nötig, würden dem unter faulen Krediten leidenden Finanzsektor öffentliche Gelder zugeführt.
"Faule Kredite" schwächen Banken
"Die Banken müssen jetzt ernsthaft ihre faulen Kredite bewältigen", sagte der Minister. "Einige Bankenvertreter sagen, es gebe keinen Zusammenhang zwischen der Bewältigung fauler Kredite und den wirtschaftlichen Umständen, aber das ist nicht wahr." Mit einem im April beschlossenen Notpaket hatte die japanische Regierung den Kreditinstituten des Landes eine zweijährige Frist zum Abschreiben Not leidender Kredite gesetzt.
Da die Banken dies nur schleppend umsetzen, deutete Shiokawa eine mögliche Stärkung der japanischen Finanzaufsichtsbehörde (FSA) an. Seit Beginn des Wirtschaftsabschwungs Anfang der neunziger Jahre sind zahlreiche Unternehmen Bankrott gegangen oder in Zahlungsschwierigkeiten geraten und konnten ihre Kredite nicht zurückzahlen.
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