Freitag, 6. Juli 2001

Armstrong hat starkes Team hinter sich

48 Stunden vor Beginn der Tour de France gab Lance Armstrong im Kursaal von Dünkirchen sein Bestes. Er versuchte alle davon zu überzeugen, dass die 88. Auflage der "Tour der Leiden" keine One-Man-Show des Texaners wird. "Ich bin nicht der Favorit", meinte er, "Ullrich, Beloki oder Casagrande können auch gewinnen."

Armstrong zeigte, dass er nicht nur auf dem Rad außergewöhnliches Talent besitzt, sondern auch rhetorisch gut in Form ist. "Ich hatte damit gerechnet, dass Ullrich deutscher Meister wird. Das ist eine gute Motivation für ihn. Er sieht gut aus - er ist in Form", lobte Armstrong seinen Herausforderer, machte aber deutlich, dass der Weg nach Paris und zum Gelben Trikot nur über ihn führt: "Ich bin mit dem stärksten Team hier, mit dem ich je bei einer Tour war."

Jan Ullrich mit 75 kg knapp über Idealgewicht
Drei Stunden nach Armstrong war Jan Ullrich an der Reihe, nachdem der medizinische Check ergeben hatte, dass er mit 75 Kilogramm nur geringfügig über seinem idealen Kampfgewicht liegt. "Im Vorjahr hatte er zwei, drei Kilo zu viel. Das hat ihn in den Pyrenäen viel Energie gekostet. Daraus hat Jan gelernt", meinte Ullrichs ehemaliger Teamchef und direkter Vorgänger als Toursieger, Bjarne Riis. "Natürlich, Armstrong ist der Favorit, aber Jan kann es schaffen", sagte der Däne, der beim Texaner bei dessen Sieg bei der Tour de Suisse noch "Schwächen am Berg" ausgemacht habe.

Ullrich erklärte, er habe vor dem Abflug nach Frankreich in der Uni-Klinik Freiburg einen "sehr guten Abschluss-Test" absolviert. Das Gelbe Trikot schon nach dem Prolog am Samstag zu tragen, wäre "taktisch unklug, weil dann die ganze Mannschaft schon früh auf den ersten Etappen viel arbeiten" müsste, trotzdem wolle er auf den ersten 8.200 Metern "das Maximale" geben und "so wenig wie möglich Zeit verlieren". Die fünf Etappen in den Alpen und Pyrenäen würden die Tour entscheiden, aber auch die erste Woche sei nicht zu unterschätzen. "Da passieren die meisten Stürze", sagte Ullrich und gab die Komplimente zurück: "Lance ist in Form, sein Team stimmt. Deshalb habe ich sehr hart gearbeitet und bin zufrieden mit dem Ergebnis."

Schlüsselstelle für Armstrong: Die Bergzeitfahrt bei Grenoble
Für Armstrong ist das 32 km lange Bergzeitfahren von Grenoble nach Chamrousse am 18. Juli die Schlüsselstelle: "Das ist der interessanteste Tag". Überhaupt hat sich Armstrong besonders mit der Verpflichtung des Vuelta-Siegers Roberto Heras (Spanien) für die Hochgebirgs-Touren aus gutem Grund gerüstet. "Am Berg waren wir im vergangenen Jahr verletzlich. So etwas wie am Aubisque, als ich isoliert war, darf nie mehr passieren. Heras ist ein brillanter Kletterer", sagte Armstrong, dem Ullrich bei Telekom in dieser Beziehung wahrscheinlich nichts Gleichwertiges entgegen zu setzen hat. Diese Rolle ist auch dem vom US Postal-Team gekommenen Kevin Livingston (Armstrong: "Ich vermisse ihn als Freund und Helfer") nicht zuzutrauen.

Mediales Interesse um Armstrong
Locker und gelöst konnte Armstrong, der 1997 ein Hoden-Krebsleiden besiegte und danach zwei Mal die Tour gewann, auch über eigene sportliche Schwächen sprechen. "Es ist wahr, dass ich in der Schweiz meine Form gefunden habe - vielleicht zu früh." Armstrongs Schlusssatz war nicht ohne Koketterie - danach bahnten ihm drei mächtige Bodyguards den Weg durch den Wald von Mikrofonen, Kameras und Hunderten von Reportern. Ullrich verließ den kleinen Kursaal am Strand von Dünkirchen zusammen mit Erik Zabel drei Stunden später fast unbehelligt.

6.7.2001 15:00