Donnerstag, 5. Juli 2001

Maurice Greene mit Motivations-Problemen

Die erfolgsverwöhnten US-Sprintstars Marion Jones und Maurice Greene spüren den heißen Atem der Verfolger im Nacken. Die nächste Bewährungsprobe wartet auf das Duo im Pariser Vorort St. Denis. Am am Freitagabend geht hier das zweite Golden-League-Meeting vor erwarteten 50.000 Zuschauern über die Bühne.

Die dreifache Olympiasiegerin Jones schrammte beim Grand-Prix-Meeting am Mittwochabend in Lausanne gerade noch an ihrer ersten 100-m-Niederlage seit 1997 in Tokio gegen Merlene Ottey vorbei. Weltrekordler Greene macht dagegen eine Sehnenentzündung im linken Knie zu schaffen. Deswegen erwägt der "Kansas-Cannonball", der vor zwei Jahren in Sevilla zu drei WM-Titeln gerast war, sogar bei der WM in Kanada auf einen 200-m-Start zu verzichten.

Angesichts der derzeitigen Situation sah die "Neue Zürcher Zeitung" im Olympiastadion von Lausanne bereits erste Anzeichen dafür, "dass sich die Zeit der großen Soli rechtzeitig vor dem Beginn der WM zu Ende neigt". Greene blieb vor 13.000 Zuschauern bei der Einstellung seiner Weltjahresbestzeit (9,90 Sekunden) aber trotz lädierten Knies noch immer neun Hundertstel vor seinem Dauerrivalen und Freund Ato Boldon aus Trinidad.

Jones: Technisch nicht besonders, körperlich jedoch fit
Jones rettete sich hingegen in 11,04 mit nur einer Hundertstel Vorsprung vor ihrer Trainingspartnerin Chandra Sturrup von den Bahamas ins Ziel. Als die 25-Jährige auf den zweiten 50 m nicht wie gewohnt davoneilte, war ihren Konkurrentinnen geradezu eine gewisse Verblüffung ins Gesicht geschrieben. "Technisch war mein Rennen nicht besonders gut, aber ich bin in Form und gesund. Es gibt also keinen Grund zur Besorgnis", wehrte Jones sämtliche kritischen Fragen ab.

Greene und Jones haben inzwischen alle wichtigen Titel
Um die schnellste Frau und den schnellsten Mann der Welt in Ekstase zu versetzen, bedarf es inzwischen aber auch zweifellos höhere Ziele als Golden-League- oder Grand-Prix-Meetings, schließlich haben beide im Kurzsprint seit 1997 alle wichtigen Titel abgeräumt. So räumte auch Greene nach der Olympia-Saison ganz offen Motivationsprobleme ein: "Ich bin weniger hungrig als im vergangenen Jahr."

Er machte auch in Lausanne nicht den Eindruck, dass ihm die Auftritte in Europas Arenen großen Spaß bereiten. Zu einer Pressekonferenz vor dem Meeting kam der 26-Jährige eine Stunde zu spät und lümmelte dann gelangweilt auf seinem Stuhl herum. Danach folgte das lyrische "business as usual": Seinen 1999 aufgestellten Weltrekord (9,79 Sekunden) wolle er verbessern und natürlich seine WM-Titel verteidigen. Und er ist immer noch "auf der Suche nach einem perfekten Rennen".

Trainer: "Maurice Greene schafft 9,60 Sekunden für 100 Meter"
"Maurice kann die 100 Meter in etwa 9,60 Sekunden laufen", prophezeit sein Trainer John Smith. Doch sein Schützling spricht lieber über seine Verletzung als über weitere Heldentaten. "Jetzt muss ich erst einmal mein Knie unter Kontrolle kriegen", meinte Greene, der jedoch nur auf der Ehrenrunde gehandicapt schien, im Rennen war nichts von einer Verletzung zu merken, vor allem als er sich auf den zweiten 50 Metern scheinbar mühelos vom Feld absetzte. "Die Schmerzen behindern mich jeweils nach dem Rennen. Wenn ich unterwegs bin, leiste ich harte Arbeit und habe keine Zeit, an so etwas zu denken."

5.7.2001 12:22