Freitag, 6. Juli 2001

Strenge Vorkehrungen und Kontrollen

Grafik: Die Wirkung von Dopingmittel &
Tour de France 2001: Streckenübersicht

Nach der größten Razzia der Radsport-Geschichte beim Giro d'Italia nimmt das Thema Doping auch vor der am Samstag beginnenden Tour de France breiten Raum ein. Die Veranstalter der "Großen Schleife" sehen sich in ihrem "Kreuzzug" gegen das Doping allerdings in einer guten Position.

Die bei den 189 gemeldeten Radprofis der 88. Tour de France vorgenommenen Blutproben haben am Donnerstag offenbar keinen Hinweis auf die Einnahme verbotener Dopingmittel gebracht. Dies wurde zwei Tage vor Beginn der wichtigsten Radrundfahrt der Welt im Startort Dünkirchen bekannt. Alle Fahrer waren am Donnerstagmorgen kontrolliert worden. Die Proben wurden anschließend per Flugzeug in das Labor von Morges bei Lausanne gebracht, wo die Analysen vorgenommen wurden. Ein offizielles Analyse-Ergebnis des Kontroll-Labors stand allerdings noch aus.


"Die Vorkehrungen sind strenger geworden. Der Weltverband, das Sportministerium und die Tour haben in ihren Bereichen noch mehr getan", erklärte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc, der sich von Radprofis, Sportlichen Leitern und Team-Ärzten die Einhaltung der Anti-Doping-Charta und des Ethik-Codes vor dem Start schriftlich bestätigen lässt. Die Organisatoren begnügen sich freilich nicht mit diesem Versprechen, sondern haben verstärkte Kontrollen angekündigt. "Das Damoklesschwert ist schärfer als bisher", sagt Leblanc.

Die Fahrer mussten sich am Donnerstag zwei Tage vor dem Start in Dünkirchen einer medizinischen Untersuchung stellen, bei der u.a. die Blutwerte erhoben wurden. Wird dabei der Hämatokrit-Grenzwert von 50% überschritten, darf der Betroffene "aus gesundheitlichen Gründen" nicht zur Tour antreten. Derartige Bluttests werden auch während der Tour jeweils am Morgen bei ausgelosten Teams unangekündigt durchgeführt.

Mehr Urin-Tests
Ausgeweitet wurde die Zahl der Urintests. Jeweils zehn Fahrer müssen sich täglich stellen, unter ihnen der Etappensieger und die ersten Drei des Gesamtklassements. Dabei wird neben Substanzen wie anabolen Steroiden, Aufputschmitteln, schmerzstillenden Medikamenten etc. mit einer erst am 1. April eingeführten Testmethode auch nach EPO gesucht.

EPO besser aufspürbar
EPO (Erythropoietin) führt zu verbessertem Sauerstofftransport des Blutes und ist daher im Ausdauersport seit den neunziger Jahren weit verbreitet. Mit dem neuen Test glauben die Verantwortlichen, das Problem EPO aus der Welt geschafft zu haben. Die Spuren des künstlich hergestellten Hormons können im Urin zwar nur drei bis vier Tage nach Einnahme nachgewiesen werden, während einer dreiwöchigen Rundfahrt wäre für potenzielle "Doper" die Gefahr des Auffliegens aber groß.

Doch spätestens durch die Medikamentenfunde bei der Giro-Razzia wurde drastisch vor Augen geführt, dass dopende Athleten bereits zu Ersatz-Substanzen für EPO - etwa RSR-13 - greifen. Medikamente aus der Notfall-Medizin und der Krebstherapie werden missbraucht, bei denen wie bei Wachstumshormonen (HGH) ein Nachweis noch nicht möglich ist. Die Spätfolgen bei längerer Einnahme dieser Präparate sind nicht abschätzbar, Nebenwirkungen wie Fieber, Vergiftungen von Leber, Nieren sowie Embolien sind aber verbrieft.

"Es gab immer Doping und es wird so lange Doping geben, bis man alle Substanzen nachweisen kann", erklärte Marco Pantani kürzlich gegenüber der "Gazzetta dello Sport". Der Gewinner der Tour de France und des Giro d'Italia 1998 war ein Jahr später als Spitzenreiter des Giro wegen erhöhten Hämatokritwertes disqualifiziert und 2000 wegen "Sportbetrugs" zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Das Gericht hatte es als erwiesen angesehen, dass der "Pirat" 1995 im Rennen Mailand-Turin mit EPO gedopt hatte. Doch Pantani wurde nie in einem Test überführt. "Ich habe niemals gedopt", betonte er erst am Wochenende nach einem Gespräch mit Staatsanwalt Luigi Bocciolini in Florenz.

Schadenersatz von Doping-Sündern
Der Weltverband (UCI) lässt derzeit die Möglichkeit prüfen, von Dopingsündern Schadenersatz zu verlangen. Die UCI-Anwälte untersuchen, ob man positiv getestete Sportler wegen des angerichteten Imageschadens zur Kasse bitten könnte.

6.7.2001 13:23