Sonntag, 8. Juli 2001

Will Westenthaler endgültig die Koffer packen?

Riesenkrach in der FPÖ: Der treueste Gefährte Jörg
Haiders, Klubchef Westenthaler, wurde wegen angeblicher
politischer Serienfehler vom Altparteichef öffentlich
gedemütigt. Nimmt Westenthaler jetzt den Hut?

Zwei Tage wollte Peter Westenthaler seiner Partei Ende vergangener Woche noch dienen, dann soll es vorbei sein. Für immer. Zwei Tage im parlamentarischen Dauereinsatz, 78 Gesetze beschließen, einige Reden halten und schließlich die Koffer packen. Nach fünfzehn Jahren, gerade einmal 33 Jahre alt. Er könne, sagte der Klubobmann im engsten Kreis, bei diesen Parlamentssitzungen die Partei nicht im Stich lassen. Sein Entschluß, zurückzutreten, stehe jedoch unumstößlich fest. Hektische Betriebsamkeit war die Folge. Parteichefin Susanne Riess-Passer suchte in den Couloirs des Parlaments immer öfter die Nähe zu ihrem Vertrauten und redete beharrlich auf ihn ein. Andere wiederum sorgten dafür, daß Westenthaler zweimal mit Kärntens Landeshauptmann telefonierte.

Die Kränkung
Peter Westenthaler will der FPÖ den Rücken kehren, weil ihn Jörg Haider in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preisgab. Ob er seinen Entschluß wirklich durchzieht, ist in Kenntnis der allseits bekannten emotionalen Wankelmütigkeit Westenthalers ungewiß. Der Klubobmann ist in jedem Fall gekränkt – tief gekränkt wie noch nie in seiner politischen Karriere. Dabei hätte diese Woche ganz erfreulich werden können. Westenthalers liebstes Steckenpferd, die Medienpolitik, sollte ihm vergangenen Donnerstag, beim Beschluß des neuen ORF-Gesetzes, seinen bislang größten politischen Triumph bescheren. „Wenn das beschlossen wird“, sagte Westenthaler zu Journalisten, „krieg ich eine richtige Ganslhaut.“ Er bekam sie – aus anderen Gründen.

Weil der Klubobmann in den Tagen davor in bekannter Manier gegen ORF-Generalintendant Gerhard Weis polterte, „ZiB“-Journalisten beschimpfte und als Höhepunkt eine mit niemandem in der FPÖ-Spitze abgesprochene Milliardenklage wegen Untreue gegen die ORF-Spitze einbringen wollte, sah sich Jörg Haider zum Handeln gezwungen. Nach einer zweistündigen Generalabrechnung Haiders mit Ziehsohn Westenthaler sagte der Klubchef bitter: „Ich gehe.“

Riesenkrach in der FPÖ
Der Altobmann ging die politische Hinrichtung seines einstigen Ziehsohns in Etappen an. Zuerst widersprach er Westenthalers Vorstößen mit Interviews, in denen er von einer Klage gegen den ORF nichts wissen wollte. Es half nichts. Der Ziehsohn blieb stur auf seiner Kampflinie. Dann schritt Haider vergangenen Mittwoch abend zum Finale – vor sämtlichen 52 freiheitlichen Abgeordneten als staunendem Publikum des Tribunals. Offiziell einberufen wurde die Klubsitzung von Parteichefin Susanne Riess-Passer – gegen den Willen Westenthalers. Jörg Haider reiste mit dem Flugzeug aus Klagenfurt an.

Kurz nach halb neun Uhr abends versammelte sich die blaue Politelite im Sitzungssaal des Parlamentsklubs. Den Vorsitz übernahmen Haider und Riess-Passer, Peter Westenthaler saß am äußersten Ende des Raumes. Was dann passierte, ist selbst in der so bewegten freiheitlichen Parteigeschichte zuvor noch selten passiert: Jörg Haider und Peter Westenthaler im emotionalen Duell um Strategien, persönliche Befindlichkeiten und die gemeinsame politische Vergangenheit. Als sich die Wogen wieder einigermaßen geglättet hatten, zog Westenthaler ein bitteres Resümee: „Ich bin lange genug dabei“, meinte er in kleinem Kreis, „um zu wissen, wie bei uns Leute abmontiert werden.“ Er werde rechtzeitig reagieren und nicht zuwarten, bis andere aktiv werden.

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8.7.2001 07:47