Sonntag, 8. Juli 2001

"Format" berichtet von Einzelzellen

Die unheimliche Selbstmordserie in der Justizanstalt Krems-Stein sorgt in ganz Österreich für Aufregung. Nun stellt sich heraus, dass die psychisch kranken Häftlinge vorher in Einzelhaft waren. Wurden sie so in den Selbstmord getrieben?

Johann Hadrbolec, Direktor der Justizanstalt Krems- Stein, war nach eigenen Worten „bedrückt“, als man ihm die Nachricht überbrachte. Vergangenen Donnerstag wurde einer seiner Häftlinge, der 34jährige Gerald H., tot in seiner Einzelzelle aufgefunden. Der unter paranoider Psychose leidende Mann hatte sich an einem Stromkabel erhängt – binnen weniger Wochen bereits der dritte Selbstmord eines psychisch kranken Gefangenen in Krems-Stein. „Man fragt sich immer: Wie kann man das verhindern?“ gab sich Hadrbolec zerknirscht.

Die Antwort darauf liegt seit drei Jahren auf seinem Schreibtisch – in einer Broschüre, die vom Justizministerium selbst in Auftrag gegeben und im Jahr 1998 an alle Haftanstalten Österreichs verschickt wurde. Titel: „Suizidalität im Strafvollzug. Ein kurzgefaßter Leitfaden für den Umgang mit Krisen und Suizidgefährdeten im Strafvollzug.“ Darin erläutert Gernot Sonneck, Selbstmordforscher am Institut für psychologische Medizin der Universität Wien, Maßnahmen zur Verhinderung von Selbsttötungen im Strafvollzug. Ein bitter notwendiges Unterfangen. Immerhin brachten sich laut FORMAT vorliegenden Zahlen in den Jahren 1996 bis 2000 in österreichischen Gefängnissen 71 Insassen um – laut Statistik eine fünfmal so hohe Selbstmordrate wie im Bevölkerungsdurchschnitt.

Einzelhaft kann tödlich enden
Zu den wichtigsten Risikogruppen zählt Sonneck psychiatrisch vorbehandelte Häftlinge. Der „tödlichste Einzelfaktor“ sei aber die Einzelhaft. „Das müßten auch die in Stein wissen“, sagt Sonneck. Trotzdem war Gerald H., der erst zwei Wochen zuvor nach mehrwöchiger Behandlung in der niederösterreichischen Landesnervenklinik Mauer-Öhling wieder nach Stein überstellt wurde, allein in einer Zelle untergebracht. Berthold Kepplinger, ärztlicher Leiter in Mauer-Öhling ist verwundert: „Ich weiß nicht, wie es möglich ist, daß einer von der forensischen Psychiatrie ins Gefängnis zurückkommt und dann in Einzelhaft gesteckt wird.“ Das sei schon für einen psychisch Gesunden schwer genug auszuhalten: „Für einen psychisch Kranken ist es zumeist unerträglich.“

Zwei weitere Fälle, in denen sich Einzelhäftlinge in Stein das Leben nahmen, scheinen diese Einschätzung zu untermauern: Ende Mai erhängte sich Johann U. in seiner Einzelzelle. Der Mann hatte an schweren manisch-depressiven Attacken gelitten. Wenig später ging Daniel L. in den Freitod – er war wegen psychotischer Schübe mit Medikamenten ruhiggestellt und von den Mithäftlingen abgesondert worden.

„Der tödlichste Einzelfaktor“
Binnen weniger Wochen brachten sich im Gefängnis Stein drei psychisch kranke Häftlinge um. Sie saßen in Einzelhaft – gegen Empfehlungen, die das Justizministerium selbst ausgeben ließ. Einzelzelle im Gefängnis Stein: „Für psychisch Kranke unerträglich.“ Minister Böhmdorfer, Suizidforscher Sonneck, „Krankenbett“ in Stein: Selbstmordrate in österreichischen Gefängnissen fünfmal so hoch wie im Schnitt.

Die ganze Story lesen Sie im neuen FORMAT.

8.7.2001 07:48