Freitag, 6. Juli 2001

Zagreb sichert Auslieferung nicht ausdrücklich zu

Erstmals hat das UNO-Kriegsverbrechertribunal Anklage gegen zwei Kroaten wegen Völkermords erhoben. Chefanklägerin Carla Del Ponte sagte am Freitag nach einem Treffen mit dem kroatischen Ministerpräsidenten Ivica Racan (Bild), sie habe die Anklageschriften den Behörden in Zagreb bereits vor einem Monat zugesandt. Um welche Personen es sich dabei handelt, sagte sie nicht.

Nach einem Bericht der Zeitung "Nacional" sollen die Generäle Rahim Ademi und Ante Gotovina im Zusammenhang mit der Ermordung serbischer Zivilisten während des Krieges 1991 bis 1995 angeklagt werden.

Racan bekräftigte, sein Land werde mit dem Tribunal in Den Haag zusammenarbeiten. Eine Auslieferung der beiden Angeklagten sicherte er jedoch nicht ausdrücklich zu. "Ministerpräsident Racan hat sich den beiden Anklageerhebungen widersetzt, und aus diesem Grund bin ich heute nach Zagreb gekommen, um ihm zu erklären, warum das Tribunal eine solche Haltung nicht hinnehmen kann", sagte Del Ponte. Sie habe darauf gedrungen, dass die beiden Kroaten entsprechend dem Haftbefehl verhaftet werden, erklärte die Chefanklägerin. "Die Auslieferung von mutmaßlichen Kriegsverbrechern ist der entscheidende Test für jede Regierung", fügte sie hinzu.

Die kroatische Regierung schuf 1996 ein Gesetz, das die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal ermöglicht. Falls Zagreb nun die Auslieferung der Gesuchten verweigert, drohen dem Land internationale Isolierung und möglicherweise auch Sanktionen.

Viele Kroaten lehnen die Strafverfolgung kroatischer Befehlshaber ab und sehen ihre Volksgruppe als alleiniges Opfer des serbisch-kroatischen Krieges im Jahr 1991. Kroatien begann 1995 eine Offensive, in deren Verlauf hunderte Serben getötet wurden.

Beobachter in Kroatien vermuten, dass nach der Auslieferung des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic an Den Haag die Regierung Racan zunehmend unter Druck gerät, kroatische Kriegsverbrecher auszuliefern.

Ein Gericht in der herzegowinischen Stadt Mostar hat am Freitag zehn bosnische Moslems wegen Kriegsverbrechen gegen bosnische Kroaten zu insgesamt 22 Jahren Haft verurteilt. Wie das staatliche Fernsehen berichtete, wurden die Taten während des Krieges 1993 begangen. Opfer waren bosnisch-kroatische Soldaten, die in einer Schule gefangen gehalten wurden. Nähere Einzelheiten wurden nicht mitgeteilt. Zwei weitere Angeklagte wurden wegen Mangels an Beweisen freigelassen.

6.7.2001 22:12