Samstag, 30. Juni 2001

Die erwachsenen Kinder lassen es sich gut gehen

Und das auf Kosten ihrer Eltern und inmitten der Rezession. Bei Sonderangeboten kauft Yasuko gleich so viele Kleider auf einmal, dass die Summe auf der Kreditkartenabrechnung fast ihr Gehalt übersteigt. Die Eltern bekommen von ihr jedoch keinen einzigen Yen, obgleich ihre erwachsene Tochter noch immer bei ihnen wohnt und sich von ihnen versorgen lässt.

An modischen Kostümen herrscht bei Yasuko kein Mangel. Ganz im Gegenteil, ihr Kleiderschrank hängt bis zum Bersten voll damit. Sie weiß selbst nicht, wieviele sie hat. "Wenn mir etwas gefällt, muss ich sofort zuschlagen", sagt die 32-jährige Japanerin.

Parasiten-Singles im Kosumwahn
"Parasaito shinguru", Parasiten-Singles, werden junge Leute wie Yasuko in Japan genannt. Keine andere Verbrauchergruppe macht in der zweitgrößten Wirtschaftsnation derart von sich Reden. Kein Wunder, denn in trostlosen Zeiten wie diesen, da der private Verbrauch als Japans größter Wirtschaftsfaktor noch immer vor sich hindümpelt, stechen "Parasiten-Singles" durch ihre exzessive Konsumfreudigkeit heraus. Es sind junge Leute in den Zwangzigern und Anfang der Dreißiger, die bereits im Berufsleben stehen, aber noch bei ihren Eltern wohnen.

Auch in Japan beliebt: Hotel Mama
Die Eltern tun praktisch alles für ihre Kinder. Vor allem die Mütter sind es, die ihren erwachsenen Nachwuchs genauso rundum versorgen wie ihre Ehemänner. Sie waschen, kochen und bereiten das Bad, so dass sich der Rest ihrer Familie abends nur noch hinzusetzen braucht. "Ich weiß, dass meine Tochter nach der Arbeit in der Firma müde ist", erzählt Yasukos Mutter Yoshie. Obgleich sie selbst nebenbei als Hausmeisterin arbeitet, übernimmt die 57-Jährige daher den gesamten Haushalt. "Vielleicht bin ich zu nachsichtig, aber wenn sie einmal heiratet, muss sie ja sowieso alles selbst machen", meint Yoshie.

Aus Bequemlichkeit länger Single
Da "Parasiten Singles" aber letztlich auch aus Bequemlichkeit länger unverheiratet bleiben, macht sie der Soziologe Masahiro Yamada für die sinkende Geburtenrate mitverantwortlich. Yamada, der Autor des Buches "Die Zeit der Parasiten Singles" ist und den Begriff 1997 prägte, warnt denn auch vor Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft.

Die "Parasiten Singles" könnten sich allerdings auch positiv auf die Familienstrukturen auswirken. Ein Motiv für die Eltern ist daher die Hoffnung, dass die von ihnen verwöhnten Kinder sich später auch um sie kümmern. Yamada warnt jedoch vor der Abhängigkeit, in die sich die jungen Menschen begäben. Wer nur mit Konsum beschäftigt ist, kümmere sich nicht um sozialen Wandel oder politische Reformen.

Frauen geben Unsummen für Luxusartikel aus
Der Einzelhandel freut sich dagegen über die "Parasiten Singles", da sie die einzige Altersgruppe sind, deren Konsumausgaben steigen. Vor allem die der Frauen, während die Männer versuchen, möglichst viel von ihren geringen Anfangslöhnen für eine zukünftige Familie beiseite zu legen. Die Frauen können dagegen praktisch ihr ganzes Einkommen verprassen. So geben viele Unsummen für Handtaschen und andere Luxusartikel der begehrten Marken wie Louis Vuitton, Prada oder Tiffany aus. Soeben eröffnete Hermes auf Tokios berühmter Luxus-Einkaufsmeile ein neues Edelgeschäft - mitten in der Rezession.

30.6.2001 11:12