Tennis-Zirkus auf der Suche nach Typen

John McEnroe zertrümmert per Racket den Blumenschmuck, Goran Ivanisevic ruiniert Rackets am Fließband, Jeff Tarangos Frau ohrfeigt den Schiedsrichter, usw. Schmecks. Das war einmal. Wimbledon 2001 ist friedlich und brav. Keine Typen, keine Geschichten.
Der Skandal war perfekt. So etwas hatte Wimbledon noch nicht erlebt, dass ein Schiedsrichter von einer Spielerfrau angegriffen und geschlagen wird. Jeff Tarangos Frau Benedicte war die Übeltäterin, die sich nach einer Fehlentscheidung auf die Seite ihres Mannes und Referee Bruno Rebeuh ins Gesicht schlug. Fünf Jahre ist diese Szene jetzt her, und normalerweise würde niemand mehr darüber sprechen. Doch die Zeiten haben sich geändert im altehrwürdigen All England Lawn Tennis Club. Die schrillen Typen sind rar geworden.
Noch keine einzige Strafe
Nach knapp einer Woche auf dem "Heiligen Rasen" ist nicht eine Strafe verhängt worden. Dabei ist der Katalog lang, die Regeln streng, und die Bußen reichen bis zu vielen tausend Dollar. Tarango musste damals 40.000 Dollar (46.998 Euro/646.707 S) berappen. Marat Safin kostete ein geschwänztes Gespräch unlängst 10.000 Dollar (11.750 Euro/161.677 S), weil der Russe bei den "Richtern" einschlägig bekannt ist. Und Lokalmatador Tim Henman wurde vor Jahren disqualifiziert, weil er ein Ballmädchen "abgeschossen" hatte.
Auch Dokic-Papa brav
Selbst die fürchterlichen Tennis-Väter sind in diesem Jahr friedlich geworden. Damir Dokic, der erst seit wenigen Wochen wieder Zutritt zu den Tennisplätzen dieser Welt hat, gibt sich geläutert. Den Ordner, der ihm das Rauchen auf der Tribüne untersagte, bat er sogar um Verzeihung und drückte den Glimmstängel umgehend aus. Vorbei scheinen die Tage, als der Serbe aus Australien im Vollrausch nächtens von einer Polizeistreife mitten auf der Straße aufgegriffen wurde und wild pöbelnd in eine Ausnüchterungszelle wanderte.
Gute alte Zeiten
Die "Beastie Boys" der britischen Boulevard-Presse sehnen sich nach diesen Zeiten. Und nach Typen wie den Jensen-Brüdern Luke und Murphy. Die beiden Tennis-Exzentriker aus den USA waren für jeden Spaß zu haben und machten ihre Auftritte im Doppel zu einem Happening. Auch John McEnroe oder Andre Agassi waren für jede Schlagzeile gut. Doch der Steffi-Graf-Freund fühlt sich mit seinen 31 Jahren mehr als künftiger Familienvater denn als Rebell. Statt kritischer Töne sind von ihm heute Diskurse über das Tennis im Allgemeinen zu hören.
Babsi nicht so sexy wie Anna
Selbst der Versuch, eine Nachfolgerin für "sexy" Anna Kurnikowa zu kreieren, schlug fehl. "Babsi ist keine Anna, murren die Fans", schrieb der angesehene "Guardian". Die Tirolerin Barbara Schett kann die blonde Russin nicht ersetzen. Alles ist schön, alles ist gut, alles ist friedlich. So lautet die Nachricht, wenn selbst die "Daily Mail" über Jennifer Capriati titelt: "Das böse Mädchen wurde zum Dream Girl."
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