Samstag, 30. Juni 2001

41 Asse und 24 Winner - "Jetzt ist alles möglich"

Pete Sampras zog am Freitag in Wimbledon mit einem glatten 6:4,6:4,7:5-Sieg gegen den Armenier Sargis Sargsian ins Achtelfinale ein. Doch ein Mann, der zuletzt schon mehrmals ans Aufhören gedacht hatte, stahl dem US-Star klar die Show: Goran Ivanisevic.

Der Kroate spielte gegen Andy Roddick wie in seinen besten Tagen und stoppte mit einem 7:6,7:5,3:6,6:3-Sieg den Höhenflug des 18-jährigen US-Jungstars.

Die Freude über seinen jüngsten Coup war so groß, dass sich Ivanisevic nach dem Matchball auf dem Court mit nacktem Oberkörper in Superman-Pose von den Zuschauern feiern ließ. Und es ist für ihn ja wirklich eine Art sportliche Auferstehung, die an seine besten Zeiten erinnerte. Gegen Carlos Moya hatte der Mann aus Split mit 35 Assen aufgetrumpft, gegen Roddick waren es nicht weniger als 41. Der "Herr der Asse", der 1992, 1994 und 1998 drei Mal das Wimbledon-Finale erreicht hatte, rief sich damit nachdrücklich in Erinnerung und hat in dieser Topform auch im nächsten Duell am Montag mit dem Briten Rusedski eine seriöse Chance.

Dabei war der Kroate schon mehrmals kurz davor, alles hinzuschmeißen und die Karriere zu beenden. Er kassierte Erstrunden-Niederlagen im Dutzend, fiel in der Weltrangliste weit zurück und wird seit zwei Jahren immer wieder von argen Schmerzen in der Schulter geplagt. Doch Goran biss die Zähne zusammen und verschob immer wieder eine empfohlene Operation. Eine Kur und Schmerztabletten haben ihm offenbar sehr geholfen. Im April führte er Kroatien im Daviscup zu einem Sieg über Österreich und nun steht der mit einer Wild Card bedachte Routinier aus Split sensationell im Achtelfinale von Wimbledon.

"Wie ich aufgeschlagen habe, vor allem in den ersten zwei Sätzen, war perfekt. Mehr kann ich wirklich nicht verlangen", bilanzierte Ivanisevic, nachdem er mit 41 Assen und 24 Service-Winnern Roddick trotz einer guten Leistung keine Chance gelassen hatte. "Ich bin glücklich und erleichtert. Dass ich in der zweiten Wimbledon-Woche noch dabei bin, darauf hätte vorher keiner gewettet. Jetzt ist alles möglich", sagte der Kroate, der bisher auch sein Temperament im Zaum hat: "Ich habe auch bei engen Entscheidungen kein Racket geworfen und bin ruhig geblieben. Das hat sich bezahlt gemacht."

Ivanisevic hat zwei Seiten - eine gute und eine böse - und er macht auch kein Hehl daraus. "Ich habe einen widersprüchlichen Charakter", gesteht der Exzentriker und verweist auf ein Tattoo auf seiner rechten Schulter. Eine Rose, einen Hai und ein Kreuz zeigt das Bild, das er sich 1998 hat tätowieren lassen. Die stachelige Rose stehe für Liebe, das schwarze Kreuz für seine Gottesfürchtigkeit und der Hai für Boshaftigkeit und Gemeinheit ...

30.6.2001 12:22