Montag, 25. Juni 2001

Eine lange Geschichte mit vielen Höhen und Tiefen

Auch wenn die Veilchen im vergangenen Frühjahr regelrecht verwelkten und die max.Bundesliga mit 18 Punkten Rückstand auf den FC Tirol nur als Fünfter beendeten, Grund zum Feiern hat die Wiener Austria allemal. Der Traditionsklub, am 15. März 1911 als Wiener Amateur-Sportverein gegründet und am 28. November 1926 in FK Austria Wien umgetauft, hat 90 Jahre auf dem Buckel.

Der Jubilar begeht seinen Geburtstag mit einem Gala-Abend am 29. Juni im Rathaus und mit einem Gala-Spiel gegen Champions Legue-Gewinner Bayern München am 15. Juli im Horr-Stadion (16 Uhr).

90 Jahre Violett!
Das ist eine unendlich lange Geschichte mit vielen Höhen, aber auch etlichen Tiefen, mit Wechselbädern der Gefühle für Spieler, Trainer, Funktionäre sowie begleitet von Kritik, Jubel- und Trauer-Gesängen der Fans. Etwas über Violett zu erzählen, hieße Eulen nach Athen tragen. Eigentlich entstand der Verein Austria schon früher als "amtlich" festgehalten. 1892 hatte es einen "Vienna Cricket Club", einen Allround-Verein gegeben, der 1894 auch eine Fußball-Sektion aufnahm. Diese war gemeinsam mit der Vienna eineinhalb Jahrzehnte Ton angebend.

In beiden Mannschaften befanden sich gute Spieler, die sich von den englischen Angestellten des Barons Rothschild Tricks abschauten. Die von den "Ballesterern" ins Spiel gebrachte Linie wurde später als Vorläuferin der Wiener Fußball-Schule bezeichnet. Nachdem es im Klub zu kriseln begonnen hatte, gründeten die Kicker am 29. Oktober 1910 die "Wiener Cricketer", die sich nach Zwistigkeiten über die Namensgleichheit ab 15. März 1911 in "Wiener Amateur Sport-Verein" umtauften und violett als Klubfarbe wählten.

Spiel für´s Auge
Doch man kam nur schwer aus den Startlöchern. Als Co-Favorit mit der Vienna in die erste Wiener Meisterschaft 1911/12 gestartet, reichte es am Ende nur zum achten Platz unter elf Mannschaften. Schon damals hörte man Kritiker, die den Veilchen ein zum Anschauen schönes Spiel bescheinigten, ihnen aber das Kämpferherz absprachen. Dieses Missverhältnis scheint bis zur Gegenwart nicht verflogen, das Image haftet manchmal heute noch der Mannschaft an. Noch vor dem Krieg erhielt der Klub in Ober St. Veit einen eigenen Sportplatz, doch der Titel blieb vorerst ein Wunschdenken. Durch den Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde die Mannschaft in alle Winde zerstreut.

Im Sommer 1919 übernahm dann der bekannte Sportjournalist Hugo Meisl die Geschicke des Klubs, führte die Violetten zum Aufschwung. Der Lohn waren 1921 der erste Cupsieg sowie 1924 der erste Meistertitel und das erste Double. Immer mehr Spieler machten ihr Hobby zum Beruf. Der Verein wurde daher am 28. November 1926 von Amateure auf FK Austria umbenannt. Schon vorher, 1924 war ein blondes Bürscherl namens Matthias Sindelar aufgetaucht, um bei der Austria Karriere zu machen. Sindelar spielte sich in die Herzen der Anhänger, die ihren Liebling ob des Fliegengewichts nur den "Papierenen" riefen.

Wunderteam mit Wunderstürmer
Mit dem späteren Wunderteam-Stürmer Sindelar, der als 36-Jähriger 1939 unter mysteriösen Umständen starb, wurde die Austria zwar nie Meister, dafür aber drei Mal Cup- und zwei Mal Mitropacup-Sieger. Violett begann aufzublühen, doch mit dem Einmarsch der Hitler-Truppen 1938 wurde alles wieder zerstört. Die Austria war dem NS-Regime zuwider, weil sie unter Spielern und Funktionären etliche jüdische Bürger hatte. Sie musste vorübergehend zusperren. Als der Krieg vorbei war, versammelte sich der alte Austria-Stamm 1945 und man begann wieder von vorne.

Jerusalem, Stroh, Adamek, Geyer, Stojaspal, zu denen sich später Ocwirk, Melchior, Aurednik, Komink, Stotz usw. gesellten, schlossen unter Trainer Wudi Müller an die Vorkriegszeiten an, machten aus der Austria wieder einen Spitzenklub von Europa-Format. Mehr als zehn Jahre beherrschten die Violetten gemeinsam mit Rapid die heimische Fußball-Szene und waren auch im Ausland eine gefragte Mannschaft. Hatte Mittelfeldass Ernst Ocwirk, der vom Gegner gefürchtet und von den Fans gleichermaßen geliebt wurde, die 50er-Jahre geprägt, so taten ihm dies nachher noch viele etliche Größen im violetten Dress gleich.

Erster Verein mit eigenem Sponsor
In den folgenden Jahrzehnten waren dies Ernst Fiala, Horst Nemec, Jacare, Robert Sara, Felix Gasselich, Ernst Baumeister, Tibor Nyilasi, Andreas Ogris, Toni Polster usw. Aus dieser elitären Schar noch herausragend Herbert "Schneckerl" Prohaska, der die Veilchen als Spieler und als Trainer zu Titelgewinnen führte. Präsident Joschi Walter hatte damals als erster die Zeichen der Fußball-Zeit erkannt und für den Klub mit einer Brauerei (Schwechater) einen Sponsor gefunden. Seit 1977 unterstützten die Austria Tabakwerke die Favoritner und seit August 1998 hat Magna-Chef Frank Stronach als Mäzen das Sagen.

Mit seinem Geld regiert der Milliardär in der Wirtschaft mit, aber im Fußball ist es ihm bisher noch nicht gelungen, die Austria wieder zu glorreichen Zeiten zurückzuführen. Nun feiert die violette Familie vorerst den 90. Geburtstag und darf sich dabei mit Stolz und zurecht an die erfolgreiche Vergangenheit mit dem Europacup-Finale 1978 in Paris (0:4 gegen RSC Anderlecht) als Höhepunkt sowie zwei Mitropacup-Erfolgen, 21 Meistertiteln (zuletzt 1993), 22 Cup-Triumphen (Rekord/zuletzt 1994) und acht Doubles (zuletzt 1992) erinnern.

25.6.2001 11:28